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19May


ICH SCHAUE auf die digitale Choreographie meines Alltags. Wie hat sie sich verändert? Wie sehr hat meine Online-Kommunikation meine Offline-Kommunikation ersetzt? Welche Bereiche meines Lebens haben sich seit dem März 2020 ins Internet verlagert? Und wie geht es mir damit? 

Ich bin sehr internetaffin. Twitter und Instagram waren auch schon vor der Pandemie fester Bestandteil meines Lebens. Meine Kolleg*innen kennen, und fürchten wahrscheinlich auch, meine Endlos-E-Mails, die ich während laufender Projekte mit meinen Gedanken fülle. Auf dem Land lebend bin ich es gewohnt, sehr viele Dinge, die ich brauche, online zu bestellen. Streamingdienste kommen meinem Bedürfnis, Filme und Serien zu schauen, wann immer ich es möchte, sehr entgegen. Auch, wenn ich die Vergütung für Künstler*innen teilweise mehr als kritisch betrachte, genieße ich doch die gigantische Auswahl, die mir Streaming beschert. Ich bin kein Digital Native, aber ein Leben ohne Netz kann ich mir nicht mehr vorstellen. 

Als die Pandemie begann und Präsenztreffen unmöglich machte, hielt Zoom sehr schnell Einzug in mein Leben. Zunächst fremdelte ich mit dieser Art von Kommunikation. Ich hatte bis dahin selten geskyped, war eigentlich nie ein Fan von Videotelefonie und empfand diese Art und Weise zu kommunizieren sehr anstrengend. Aber meine anfängliche Ablehnung legte sich, sobald ich die Möglichkeiten einer Online-Konferenz entdeckte. Dokumente zu teilen und zu diskutieren, gleich zu verändern, Protokolle gemeinsam im Chat zu verfassen, das alles machte vieles leichter, angenehmer und effektiver in der Arbeit und im politischen Engagement. Vor allem die Zeit, die ich für die Fahrt von der Oder nach Berlin und zurück einsparte, wusste ich sehr zu schätzen. Und ich tue es auch heute noch. Kontinuierlich an einem Projekt arbeiten zu können, während wir uns an den unterschiedlichsten Orten Deutschlands und Europas befinden, ist fantastisch. Ich glaube, obwohl diese Möglichkeiten auch vor der Pandemie schon gegeben waren, dass wir ohne Corona nicht auf die Idee gekommen wären, so intensiv auf diese Weise zu arbeiten. Auf eine Weise, die Zeit, Geld und auch jede Menge Stress spart, indem ich vieles, vor allem Orga, auch mal in kurzen Online-Meetings abklären oder erledigen kann. Für mich auf dem Land, bedeutet das eine Zeitersparnis von drei bis vier Stunden pro Treffen, die ich nun konstruktiver nutzen kann als im Auto zu sitzen. Und auch der Ärger über ein Treffen, bei dem nicht viel herausgekommen ist, hält sich in Grenzen oder kommt gar nicht erst auf. Mir haben diese Online-Konferenzen mehr Leichtigkeit in der Arbeit beschert. Eine Veränderung meiner Alltagschoreographie, die ich sehr schätze. 

Aber ich bemerke auch die Grenzen und Nachteile von Online-Konferenzen. Manche sind unmittelbar, andere machen sich eher auf der langen Strecke bemerkbar. 

So habe ich das Gefühl, dass die Möglichkeit jede und jeden immer und überall online treffen zu können, die Hemmschwelle gesenkt hat, dies auch immer und überall zu tun. Treffen, die in vorpandemischen Zeiten niemals von heute auf morgen anberaumt werden konnten, finden heute ad hoc statt. Das hat sicherlich auch große Vorteile. Aber ist unsere Verfügbarkeit in der Pandemie genau dadurch nicht auch noch gewachsen? Und denken wir wirklich noch genau darüber nach, was wir in einem Treffen besprechen wollen und ob es wirklich nötig ist? 

Ein weiterer Punkt, der ganz bestimmt auch mit der Pandemie an sich und dem damit verbundenen Mangel an Kommunikation zu hat, ist die Qualität von Online-Kommunikation. Wie ich bereits erwähnte, kommuniziere ich schon lange sehr viel online. Aber vor dem März 2020 gab es daneben auch immer eine Offline-Kommunikation. Sprechen, sich ansehen, miteinander in direkten Kontakt treten von Angesicht zu Angesicht. Das fehlt. Es fehlt so sehr. Ich arbeite im Moment an mehreren Projekten mit Kolleg*innen, die ich teils vorher kannte, teils nicht. Seit Beginn dieser Projekte habe ich niemanden von ihnen offline gesehen. Alles, was wir miteinander planen, organisieren und kreativ gestalten findet online statt. Das ist möglich und schlägt sich meines Erachtens auch nicht auf die Qualität unserer Arbeit aus. Aber es fühlt sich auch manchmal einfach nicht gut an. Ich habe das Gefühl, dass das Teamgefühl, was ich für meine Arbeit brauche, ein anderes ist. Nicht, dass es nicht vorhanden wäre. Doch es ist intellektueller, weniger emotional. Es gibt Punkte, an denen ich es mir bewusst wieder klar machen muss, es herstellen muss. Das Problem ist, dass insbesondere das emotionale Teamgefühl, dasjenige ist, was mir Sicherheit im künstlerischen Prozess gibt. Ich spare also Zeit, Geld und Energie, zahle aber einen Preis, der mir auch zu schaffen macht. Die Choreographie meines Alltags hat sich nicht nur auf der körperlichen Ebene, sondern auch auf der emotionalen Ebene verändert. In einem Bereich, der weniger mit während Corona viel diskutierten Themen wie Einsamkeit, Wut oder psychischer Erschöpfung zu hat, als mit Sicherheit und Rückhalt. 

Die Ausschließlichkeit meiner digitalen Kommunikation in der Pandemie hat mir einen Aspekt dieser Form miteinander in Kontakt zu treten offenbart, der mir nie so deutlich war, wie momentan. Das Trennende. 

Wir reden immer davon, dass das Internet uns alle miteinander verbindet und uns ermöglicht, Menschen kennenzulernen, denen wir sonst nie begegnet wären. Was wir diesbezüglich aber fast immer vergessen, ist, dass uns dabei immer der Bildschirm trennt. So emotional, so schön und bereichernd ein Online-Austausch auch sein mag, der letzte, der wirkliche Kontakt fehlt. Und ich glaube, erst jetzt fällt mir auf, wie sehr. Wohl auch, weil ich zeitweise ganz froh bin, für mich allein zu sein, und zwischenmenschliche Kontakte meide. Vielleicht wird diesbezüglich Corona mehr in meinem postpandemischen Leben verändern, als ich ahne. Der Punkt jedoch an dem mir das Trennende des World Wide Web am stärksten auffällt, ist der kreative Prozess. Hier stoße ich nicht nur an Grenzen, hier scheitere ich auch. Der künstlerische Prozess, wie ich ihn kenne, in seiner ganzen Lebendigkeit, ist mir online nicht möglich. Das Bälle zu werfen, den Gedanken im Raum spüren, ebenso wie das Hadern, den Zweifel, die heiß geredete Luft, der Streit, der im Raum liegt, das verbindende Gefühl, wenn etwas Neues Gestalt annimmt, oder beginnt seine volle Schönheit zu offenbaren, all das findet allerhöchstens abgedimmt durch den Filter des Bildschirms statt und entfaltet niemals den Zauber, den es sonst hat. Einen Zauber, den ich viel zu oft viel zu wenig schätzen gewusst habe. Wenn das Trennende im Raum steht, kann nichts entstehen, was das Verbindende zur Grundlage hat. Das heißt nicht, dass künstlerische Arbeit unmöglich ist und nichts Wunderbares entstehen kann. Es bedeutet nur, dass ich viel mehr aus mir allein schöpfen muss, viel mehr Einzelkämpfer sein muss. Dass uns nur bleibt, uns gegenseitig genau darin zu unterstützen. 

Was zu meiner Überraschung jedoch sehr gut in meiner digitalen Choreographie des Alltags funktioniert, ist gestreamte Kunst im Netz. Trotz meiner Internetaffinität hatte ich für Online-Videos von Theaterstücken oder Performances nie viel übrig. Und ich empfinde es immer noch so, dass für die Bühne produzierte Produktionen als Video oder Stream ihren Zauber verlieren, oder zumindest eine Menge davon einbüßen. Von Anfang der Pandemie an dachte ich, dass es an uns Künstler*innen liegt, anders und kreativ mit dem uns nun teils ausschließlich zur Verfügung stehenden Medium Internet umzugehen. Und viele taten genau dies und nutzten die Möglichkeiten des Internets, haben auf der Bühne filmischer gedacht, inszeniert und umgesetzt. Sind online neue Wege gegangen, haben andere Formen der Lecture Perfomance ausprobiert, integrierten Webkonferenzen, sind in viel intensiverer Form mit ihrem Publikum in Kontakt getreten. Dazu kommt, dass ich die Kunst, die ich in letzter Zeit online gesehen habe, offline aufgrund der Entfernungen nie gesehen hätte. Für uns Menschen auf dem Land ist für Online produzierte Kunst eine Bereicherung. Ich bin gespannt wie diese Entwicklung in den nächsten Jahren weitergeht. Auch für mich selbst. 

Zum Schluss eine Beobachtung, die ich am allerwenigsten erwartet hätte. Publikumsgespräche sind mir für gewöhnlich ein Graus. Nicht, weil mich der Austausch zwischen Künstler*in und Zuschauer*in nicht interessieren würde. Aber meistens läuft es darauf hinaus, dass sich hauptsächlich die Meinungsstarken und Lauten bei Publikumsgesprächen Gehör verschaffen und Fragen stellen. Eher leise und zurückhaltende Menschen bleiben leider oft eher Zuhörer. Wobei mich die Fragen, derjenigen, die mehr suchen als wissen, deutlich mehr interessieren. Dementsprechend wenig Lust hatte ich auf ein Publikumsgespräch nach einem Livestream auf Kampnagel letztens. Und wurde eines besseren belehrt. Das Prinzip der sozialen Medien, das der Lauteste und Plakativste, die meiste Aufmerksamkeit bekommt, kam hier überhaupt nicht zum Tragen. Ich hatte das starke Gefühl, dass im Chat genau diejenigen die Fragen stellten, die sich sonst bei Publikumsgesprächen im Theater nicht trauen. Und so entstand durch spannende Fragen und vielleicht auch den geschützten Raum der fast menschenleeren Bühne ein sehr interessanter Austausch zwischen Künstler*innen und Publikum. Ein Publikumsgespräch, von dem ich mir mehr wünsche. Und den weißen alten Theatermenschen, der erst eine halbe Stunde über Brecht doziert, um dann eine fünfteilige Frage zu stellen, die niemand versteht, habe ich nicht vermisst. 

Ich freue mich auf die Zeit, in der wir wieder sicher und sorglos in direkten zwischenmenschlichen Kontakt, ohne das Trennende unseres Bildschirms, treten können. Doch bei einem bin ich mir sicher. Die digitale Choreographie meines Alltags hat sich nachhaltig verändert, über das Ende dieser Pandemie hinaus. Und in vielem davon liegt auch eine große Chance.



HS



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11May


Die Pandemie verlangt uns einiges ab. Unter anderem Geduld.



Diercksenstrasse 45 - Sabine Maier

Weitere Videos der Künstlerin.


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01May


Seit mehreren Monaten stellen wir uns in diesem Blog die Frage, wie Corona die Choreographie des Alltags verändert. Was aber, wenn wir als Kulturarbeitende die Choreographie von Corona verändern? In Richtung Rückzug und Lebensfreude. 


Ein Debattenbeitrag 

von Hartmut Schrewe


Momentan sinken die Infektionszahlen seit fünf Tagen in Folge. Aber sie halten sich auf hohem Niveau. Das Problem der Bundesnotbremse ist, dass sie mit ihren hohen Richtwerten weiterhin der Logik des Dauer-Lockdowns folgt, der zwar in seinen Maßnahmen weniger hart ausfällt, aber eben auch nicht zu einer Trendwende führt, die es der Gesellschaft ermöglicht, das öffentliche Leben vorsichtig und umsichtig wieder zu öffnen. Die Infektionszahlen pendeln sich, auch abhängig vom Fortschreiten der Durchimpfung der Bürger*innen, auf einem Niveau ein, bei dem das Damoklesschwert der Notbremse ständig präsent bleibt. Zusätzlich bleiben bestimmte Bereiche, wie die Kultur, Gastronomie oder die Prostitution, die bereits sehr harte Monate hinter sich haben, weiterhin dauerhaft geschlossen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass sich bei hoher Inzidenz und zeitgleicher steigender Durchimpfung sogenannte Escape – Varianten bilden, deren Auswirkungen wir nicht einschätzen können. Ganz zu schweigen von einem überlasteten Gesundheitssystem und Pflegekräften, die am Rande ihrer Kräfte und darüber hinaus sind. Wann haben wir uns an die vielen Toten jeden Tag gewöhnt? Wieso akzeptieren wir, dass immer mehr Menschen mit Long Covid zu kämpfen haben, mit noch unbekannten Folgen?


Wir brauchen einen konsequenten Lockdown, der sich auch auf die Wirtschaft erstreckt 


Der Physiker und System-Immunologe Prof. Michael Meyer-Hermann vom Braunschweiger Hemlholtz Zentrum stellte zur Bundesnotbremse folgendes fest. Das ist Jojo. Unter 100 machen wir auf, dann gehen die Zahlen wieder rauf, dann machen wir wieder mehr Druck. Das zieht es ewig in Länge.“ Er fordert, in einen Niedriginzidenz-Bereich zu kommen und nennt den Wert 35. „Ob 35 oder 100, das kostet uns das gleiche. Wir brauchen die gleichen Maßnahmen.“ Meyer-Hermanns Lösungsvorschlag: „Das Kriterium sollte sein, dass wir in einer Woche die neuen Fallzahlen um 20 Prozent senken. […] Es sind nicht die Maßnahmen, die eine Gesellschaft kaputt machen, sondern das Virus macht die Gesellschaft kaputt.” 

Um das, was Meyer-Hermann fordert, umzusetzen, brauchen wir einen konsequenten Lockdown, der dieses Mal nicht nur die privaten Kontakte einschränkt, wie bisher geschehen, sondern auch die Wirtschaft miteinschließt. Homeoffice, wo immer es geht, geschlossene Produktionsstätten, wo immer es geht, alles dicht, wo immer es geht. Und damit in großen Schritten auf eine Niedriginzidenz zu, die es uns ermöglicht, das öffentliche Leben Schritt für Schritt, vorsichtig und umsichtig, für alle wieder zu öffnen. 

Das Problem ist, dass der halbherzige Lockdown der letzten Monate die Menschen mürbe gemacht hat. Die meisten von uns haben nicht nur die Nase voll von Kontaktbeschränkungen oder Existenzängsten, die allermeisten können einfach nicht mehr. Das liegt zum einen an der mangelnden Perspektive, die ein konsequenter Lockdown bieten könnte, der auch immer noch auf eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz bauen kann. Zum anderen geht uns aber auch die Kraft aus, oder sie ist uns längst abhandengekommen. Wir halten die gegenwärtige Situation kaum noch aus. Wie sollen wir weitere Verschärfungen schultern? 


Mit einem Lockdown mit Kultur 



Wir machen alles dicht, konsequent. Aber wir öffnen für diesen, hoffentlich letzten, Lockdown die Kultur. Wir bleiben zuhause, quälen uns nicht durch volle U-Bahnen, um an einem Arbeitsplatz anzukommen, an dem wir oftmals eine Vielzahl von Kontakten haben, die wir im Privaten vermeiden müssen. Aber wir sitzen nicht zuhause und harren der Dinge, die da kommen, sondern wir gehen aus ins Kino, Theater und Museum. Denn alles ist dicht, außer die Kultur. 


Wer sagt, dass ein Lockdown nicht auch Freude machen darf? 


Wir brauchen etwas, dass uns die Kraft gibt, diese notwendige Kraftanstrengung noch einmal zu meistern. Wer kann das besser als die Kultur, die uns unterhält, anregt und inspiriert. Für einen solchen Lockdown gäbe es sicherlich noch einiges zu tun und zu organisieren. Aber die Kultur, die in dieser Pandemie bewiesen hat, wie konstruktiv und kreativ sie mit der Situation umgehen kann, ist auch gut vorbereitet. Im Sommer und frühen Herbst haben viele Kulturinstitutionen gezeigt, dass sie überzeugende Hygienekonzepte für ihre Zuschauer*innen entwickeln konnten und auch künstlerisch neue Wege bestreiten können, die Kunst und Kultur zu einem sicheren Genuss machen. Wie die TU Berlin in einer Studie belegte, ist die Ansteckungsgefahr in einem Großraumbüro dreimal und in einer Oberschule mit Wechselunterricht sogar sechsmal so hoch wie in einem Theater. Einen Weg, wie die Öffnung für einen Lockdown funktionieren könnte, hat das Berliner Pilotprojekt Testing gezeigt. Zusätzlich zu den Hygienekonzepten der Veranstaltungsorte, haben sich die Zuschauer*innen in teilnehmenden Testzentren einem SARS-COV-2 Antigen Test unterzogen. Mit einem negativen Testergebnis konnten sie dann an der von ihnen gebuchten Veranstaltung teilnehmen. Die zusätzlichen Kosten beliefen sich auf 20€ pro Karte und wurden von der Senatsverwaltung getragen. Doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt wäre vieles leichter. Der Bund finanziert allen Bürger*innen mindestens einen Test pro Woche kostenlos (abhängig von der Kapazität an Tests). Auch mehrere Test pro Woche sind möglich. Die Corona App wurde mittlerweile um eine Funktion erweitert, mit der Gäste einer Veranstaltung einchecken können. Lassen sich die Testergebnisse der PCR Tests über die Corona App abrufen, so würde es den Einlass zu kulturellen Veranstaltungen sehr erleichtern und auch der App im Zuge eines Lockdowns mit Kultur eine breitere Akzeptanz verschaffen. 


Die Kultur ist bereit


Den größten Schutz vor einer Ansteckung bieten Veranstaltungsorte mit raumlufttechnischen Anlagen. Es bliebe zu prüfen, ob und wie viele kleinere Veranstaltungsorte mit solchen Anlagen ausgerüstet werden müssen oder ob es andere Wege gibt, Konzerte, Theaterstücke oder Filme in beengteren Innenräumen zu erleben. Vielleicht kann eine Nachrüstung einiger Orte während einer Startphase vonstattengehen, in der die bereits schon gerüsteten Orte, zum Beispiel große stattliche Theater oder große Kinos, öffnen und der freien Szene bzw. unabhängigen Kinos Spielzeit zur Verfügung stellen. Warum sollen Kinos, Theater und Museen nicht von zehn bis zehn geöffnet haben. Das wird ein Kraftakt. Aber die Kultur kann das. Sie veranstaltet Festivals, die sie vor große organisatorische Herausforderungen stellen und meistert diese Aufgabe wieder und wieder. Kulturarbeitende sind Profis darin das Unmögliche möglich zu machen. Und vergessen wir nicht die Euphorie, wieder arbeiten zu dürfen, die den Kulturschaffenden Flügel verleihen wird. 


Alles muss raus


Zu zeigen gibt es viel. Wie viele Filme konnten nicht in den Kinos gezeigt werden? Dank des Förderprogramms Neustart Kultur wurde in den letzten Monaten in der freien Szene sehr viel produziert. Produktionen, die nun auf ihre Premiere warten oder die nur eine Online Premiere feiern konnten, sie alle wollen auf die Bühne. Ein Lockdown mit Kultur würde auch den erwartbaren Stau an den Veranstaltungsorten zum Pandemie-Ende abmildern. Selbstverständlich müssen wir nach Lösungen suchen, dass finanziell benachteiligte Menschen an dem großen bundesweiten Kulturfestival ebenso teilnehmen können wie andere. Hierfür brauchen wir eine solidarische Lösung, die uns vielleicht auch Perspektiven aufzeigt, wie wir nach der Pandemie eine gerechte Kulturteilhabe regeln können. Außerdem bräuchte es noch eine solidarische Unterstützung für die Clubszene, für die dieses Konzept leider noch nicht aufgeht. 

Ein Lockdown mit Kultur verbindet das Notwendige mit Lebensfreude. Er fordert nochmal eine Kraftanstrengung, aber spendet auch Kraft, indem wir endlich wieder genießen dürfen, was wir so lange vermisst haben. Die Kultur.


Eine Perspektive, Lebensfreude und Sicherheit.  




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12Apr


Jugend und Corona

...ist das Thema dieser Netzlese. 

Wie fühlt sie sich an die pandemische Jugend? Was ist, wenn die aufregendste Zeit im Leben in bleierner Schwere erstarrt und der Wunsch nach Rebellion auf das Gebot der Vernunft trifft? Und haben wir als Gesellschaft über die Sorge um vulnerable Gruppen die Nöte der jungen Generation vergessen?



Was ist eine Jugend ohne Jugend?


Die Wochenzeitung (WOZ) berichtet in ihrer nächtlichen Beobachtung "In Pipilottis Gummizelle" über die St. Gallener Osterkrawalle mit 500 Jugendlichen, die sich ihr "Right To Party" nehmen. Die Jugendlichen machen sich Luft mit Sätzen wie:

«Wir fühlen uns eingesperrt im eigenen Zimmer», 

 «Es ist wie in einem Film, der sich ständig wiederholt.» 

«Das hier ist schon so etwas wie eine Demonstration. Wir wollen unsere Jugend, unsere Freiheit zurück.» 

«Was werde ich antworten, wenn ich in Zukunft gefragt werde, wo ich meine Jugend verbrachte? In der Quarantäne.»  


Zelal, Genoveva, Emirkan und Peace  erzählen im Zett Artikel "Die Jugend vergeht einfach, ohne dass man irgendetwas erlebt" wie sie es erleben im Lockdown erwachsen zu werden. Wenn Spaziergänge, Sprachnachrichten, Telefonieren anstelle von durchtanzten Clubnächten, Partys, Reisen und sich Ausprobieren treten und die Zukunft nicht greifbar ist.


Einfach ist die Pandemie auch für junge Erwachsene nicht. Das was Zelal, Genoveva, Emirkan und Peace so sehr ersehnen, haben sie erlebt. Es ist genau das, was sie jetzt so schmerzvoll vermissen. Wie Corona die Choreographie des Alltags von jungen Erwachsenen radikal verändern kann, berichtet auf Zeit Campus Fabian Herriger in seinem Artikel SIND WIR NOCH FREUNDE?

Worüber reden wir also sonst? Erzählen wir wieder von unserem ewig gleichen Alltag? Von Yogasessions, Netflix-Serien, Hummusrezepten? Oder lassen wir unserem Frust, unserem Selbstmitleid, unserer Verzweiflung freien Lauf und schimpfen auf das Virus, das Impfen, Gott?

Lena Schega gibt in  MEIN CORONA-KOPF MACHT PFF, AHHHHH, MRRRRR einen Einblick in ihr emotionales Chaos aus Verunsicherung und dem Wunsch ins Leben durchzustarten.

Wenn es vollkommen still ist, ist meine Ungeduld am schwersten zu ertragen. Ich fühle mich wie in einer Matrix, alles rast und steht gleichzeitig still. 



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22Mar


ICH FRAGE mich, ob ich ängstlicher geworden bin, oder es nur nicht mehr gewohnt bin, U-Bahn zu fahren. Es ist Sonntagabend 23.00 Uhr und wegen des ungemütlichen Wetters bin ich nicht mit dem Fahrrad gefahren, sondern zu Fuß zu meiner Freundin gelaufen. Dann stehe ich in einem U-Bahnhof der U7 und merke wie mein Blick hin und her springt, versucht schnellst möglich zu analysieren, welcher der drei Männer, die sich im U-Bahnhof verteilt aufhalten, eine potentiell unangenehme Situation bedeuten könnte und ob vielleicht jemand anderes am Gleis steht, in dessen Nähe ich mich begeben kann, um mich weniger allein zu fühlen. Eine andere Frau, ein Paar, irgendeine Person, die ganz besonders harmlos wirkt. Aber hier sind nur ich und die drei Männer, die mir aus der Ferne eher unangenehm scheinen, von denen ich natürlich nicht weiß, ob sie es sind, aber die ich lieber gar nicht erst zu genau anschaue, um ihnen keinen Grund zu geben, mich anzusprechen. Einer knallt betont laut seine leere Flasche auf den Fahrkartenautomat und läuft dann schnellen Schrittes und rauchend am Gleis entlang auf die andere Seite des U-Bahnhofs, ich senke den Blick, bin froh als er wortlos an mir vorbei geht.

Sonntagnacht in der U7 halt, denke ich mir. War doch irgendwie schon immer so. Aber dann fällt mir ein, dass ich in letzter Zeit öfter in Situationen war, die sich ähnlich angefühlt haben und dass dieses Gefühl in seiner Intensität und Frequenz neu und anders ist. Das Gefühl völlig allein in einer Situation zu sein, die das Potential hat sich meiner Kontrolle zu entziehen. Wenn ich Nachts nach Hause laufe, durch die Straßen, die mir vertraut sind, die sich aber auf einmal anders anfühlen. Wenn ich merke, wie ich aufmerksamer die Umgebung wahrnehme, damit mir nichts entgeht. Wenn ich die Musik in meinen Kopfhörern leiser mache, um mehr mitzubekommen und wenn ich die wenigen Menschen, die mir im Dunkeln begegnen schnell mustere und überlege, was sie wohl machen, wohin sie gehen, wo sie herkommen und warum sie überhaupt draußen unterwegs sind. 

Bin ich ängstlicher geworden? Ist das eine Frage des Älterwerdens und war ich früher nur jünger und sorgloser? Habe ich zu viele Filme gesehen, zu viele Bücher gelesen, in denen eine solche Situation immer den Anfang des Endes bedeutet? 

Doch die Situation ist eine andere seit die Straßen Nachts leerer geworden sind, vor einem Jahr, nein, vor über einem Jahr mittlerweile. Die Erinnerung an eine U-Bahnfahrt, beispielsweise in der U1 an einem Freitagabend um 2, oder 3 Uhr ist wie aus einer anderen Zeit. Volle Waggons, schreiende und lachende Menschen, eng aneinander gedrückt. Die Straßen voller Grüppchen, in den Fenstern das typisch schummrige rauchige Licht der Kreuzberger Bars. Der ganze Kanal gesäumt mit Menschengruppen, die Musik hören, lachen, sich etwas zurufen. Es war heller, es war lauter, es war belebter. Viele dieser Situationen hatten ebenfalls Gefahrenpotential oder äußerst unangenehme Verläufe. Nie habe ich mich gefreut in eine U-Bahn voll betrunkener Menschen einzusteigen, oder von einem Betrunkenen aus der Bar in meiner Straße direkt vor meiner Haustür in ein Gespräch verwickelt zu werden. Doch der Unterschied war, dass meistens auch noch andere Menschen in greif- oder wenigstens hörbarer Nähe waren. Nur selten war man wirklich allein auf den Straßen, alle waren unterwegs, wohin sie gehen, habe ich mich gar nicht erst gefragt, so viele Möglichkeiten gab es. Jetzt sind die Straßen leer und wer draußen ist, hat einen Grund, oder im schlimmsten Fall keinen. So bedrohlich die Masse im Dunkeln sein kann, so viel Schutz hat sie auch geboten. 

In Deutschland geht die Pandemie in die dritte Welle, in London wird Sarah Everard auf dem Heimweg ermordet und ich werde der Sache allmählich müde. Ich habe keine Lust Angst zu haben wenn ich sehr spät oder sehr früh durch meine Nachbarschaft gehe, ich habe keine Lust Selbstverteidigung zu lernen, ich habe keine Lust nachgeben zu müssen, wenn mir jemand aufdrängt mich nach Hause zu bringen, weil es wahrscheinlich sicherer ist, obwohl ich lieber alleine gegangen wäre. Ich will im Dunkeln Joggen gehen können, ich will, dass die Lichter in den Bars wieder angehen und ich will, dass die Straßen wieder voll und laut sind bei Tag und bei Nacht.


NB



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11Mar


Am 11.03.2020 erklärt die WHO den Covid19 Ausbruch zur Pandemie


Seit einem Jahr versuchen wir mit der Pandemie zu leben. Wir halten Abstand, schützen uns und andere mit Masken, oder halten Corona für eine Lüge und tun nichts dergleichen. Wir gehen in Quaratäne und feiern Partys. Wir versuchen uns in der Pandemie einzurichten, verzweifeln an ihr, wünschen uns die sogenannte Normalität zurück und entdecken neue Wege des Umgangs. Wir finden uns wieder in einem New Normal, fragen uns, was überhaupt normal ist, ersehen das Ende des Lockdowns und fürchten die Lockerungen zugleich. Wir wollen vernünftig sein, halten die Situation aber kaum noch aus. Wir helfen einander und wachsen über uns hinaus. Wir vergessen die Schwächsten und bereichern uns an der Krise. Wir hoffen auf Impfungen oder misstrauen ihnen. Wir alle wollen, dass diese Pandemie ein Ende findet, in die Geschichtsbücher verschwindet, aber wie genau das geschehen soll, kann keine*r von uns so richtig sagen. 

Seit einem Jahr müssen wir mit Unsicherheiten umgehen, mit denen wir nicht gerechnet hätten. Wir haben Menschen, Existenzen, Jobs verloren, Freundschaften beendet und um sie getrauert. Wir ringen um Lösungen, streiten um Gerechtigkeit, entzweien uns, bilden unversöhnliche Fronten und finden zusammen.  

Die Pandemie lähmt uns, lässt unser öffentliches Leben erstarren. Sie nimmt uns unsere Nähe zueinander, unsere Gemeinschaft, sie nimmt uns die körperliche Berührung, ohne die wir uns oft nur wie halbe Menschen fühlen. Sie macht uns einsam und traurig und führt uns vor Augen, wie sehr wir es brauchen zu lieben und geliebt zu werden. Sie schränkt uns in unserer Freiheit ein, die uns so wichtig ist, deren wahre Bedeutung wir aber erst erkennen, seit wir sie in Teilen verloren haben. Die Pandemie hat uns viel genommen und abverlangt in einem Jahr. Und sie hat uns wie durch ein Brennglas eine Normalität offenbart, in der wir auch schon vor Corona ungerecht, unsolidarisch, rücksichtslos, ignorant und egoistisch waren. Eine Normalität zu der wir besser nicht zurückkehren .

Wenn die Pandemie irgendwann Geschichte sein wird, werden wir uns hoffentlich auch daran erinnern. 


HS




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09Mar


Ich sehe wie der nette Marktverkäufer mit dröhnender Stimme auf die junge Frau einspricht. Wie er immer lauter wird und sie bald nur noch hastig nickt. Auf mich wirkt es, als wolle sie das Gespräch beenden, weiß aber nicht wie. Ich sehe, wie sie einen kleinen Schritt zur Seite geht und er einen kleinen Schritt hinterher und noch einen und noch einen. Ich sehe, wie sie nichts sagen möchte und er überhaupt nichts merkt. 

Ich frage mich, ob eine neue Art der Übergriffigkeit entsteht, die nichts zu tun hat mit Berührungen, oder Worten, sondern mit Nichteinhaltung von Abstand, mit dem Sich-Hinwegsetzen über die Bedürfnisse anderer und oft auch mit dem Weglachen von vorsichtigen Einwänden. Als wäre es den Menschen zu pc, zu regelkonform anderen nicht zu nahe zu kommen.


NB




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04Mar


Lernen vom Camgirl in mir

Ein Gastbeitrag

Zu Anteilen hat mein Alltag schon eine ganze Weile in der Online- und Zuhausewelt stattgefunden. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich als Künstlerin mit dem Bildschirm: dem, was aus dem Bildschirm rauskommt und dem, was in den Bildschirm reingeht. Der Raum zwischen Mir und Bildschirm ist eine eigene Welt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und Ritualen. 

Vor 2 Jahren war ich mal ungefähr ein Jahr Camgirl. Jetzt bin ich High Class Escort mit Berufsverbot. Am Anfang der ersten Welle wurde vielfach die Verzweiflung von Sexarbeiter'innen laut, sie können die Umstellung von leiblichen Treffen auf erotische Anschau-Angebote im Netz nicht leisten. Das ist sehr gut zu verstehen. Obwohl der Beruf eines Escorts und der eines Camgirls beide zu den erotischen und sexuellen Dienstleistungen gehören, unterscheiden sie sich jedoch so viel voneinander, wie sie sich zu einer Trantramasseurin, einer Sexualassistentin für Menschen mit Behinderung, einer Stripperin oder einer Bordellhure unterscheiden.

 Ich will in diesem Text berichten, was für eine spezielle emotionale Choreografie  CamSex@home bedarf. Für mich wird die Zeit, in der ich als Darstellerin Rarrr mit #hairypussy und #ecstaticdancing und Würfelspielen, in denen ich mit dem Zeigen erwürfelter Körperteile als aktivem Anschauungsmaterial Geld verdiente, gerade wieder zur lebendigen amüsierten Erinnerung. Ich will erzählen, worin diese Arbeit für mich bestand und wie ich nach dem Aufhören und Beginn eines Berufs mit Berufsverbot trotzdem nicht wieder dahin zurückkehrte, sondern einzelne freigesetzte Zuhause-Strategien mir auch bei anderen Verrichtungen in der Pandemie helfen sollten. 


Vielleicht sind es erst mal Sachen, an die mensch gar nicht so denkt. Ich stand gerne früh auf und machte die Kamera an. Dann spielte ich meine Lieblingsmusik. Meist treibende Beats, meist trappiges, wenn ich eher faul war  Lo-fi, wenn ich aufdrehte auch Nina Simone oder Rock'n'Roll, Klezmer aber gerne auch Lieder wie „Money“ von Leikely47, die explizit das Thema formulierten. Ich mochte von der Haltung diese bitchy bossy Tracks; vor einem halben Jahr hätte ich wahrscheinlich Haity – Sweet gespielt. Damals viel Princess Nokia oder Zebra Katz. Wenn ich traurig war ... auch Trauriges. Ich kurvte um meine Zuschauer und versuchte jeden irgendwo einzuholen und zog mich ein bisschen dabei aus. Wie eine ganz besondere Morning-Radio-Show. Morgens hauptsächlich Stretchen. Leichte Tanzschritte, eher beiläufig sexuell. Es war wahnsinnig sinnig meine Glieder zu strecken und zu recken und dabei Komplimente für mein Antlitz einzuheimsen. Eine Art Ego-Stretching auch. Es ist 6 Uhr morgens, im Chat ist viel los aber nicht zu trubelig. Zahlungswillige und freundliche Kunden. Häufig wirkt es wie Geschäftsmänner, die sehr früh vor der Arbeit noch ihren Sehnsüchten nachgehen. Viele Menschen, die mir einen Guten Morgen wünschten. 


Es gibt Situationen in meinem Leben, die ich nur noch mit lauter Musik lösen kann. Und es gibt Situationen in meinem Leben, die ich nur noch um 6 Uhr morgens lösen kann. Umso mehr, seitdem ich wieder mehr schreibe und insbesondere seit der Pandemie. 3 laute Lieder meist, die sich tagsüber immer wieder wiederholen, sich mir und anderen mitteilen. 

Momentan schreibe ich viel. Als Camgirl habe ich eigentlich auch viel geschrieben. Es war alles sehr chatintensiv. Hin-und hergeworfene Worte mit Fremden. Oft schrieben sie mir Nachrichten in die Postbox. Manchmal entsponnen sich lange sehr explizite Gespräche... 

Es gibt dort so was, wie ehrenamtliche Moderatoren. Sie begleiten dich durch deinen Alltag, schreiben dir „Guten Morgen Prinzessin“ in die Postbox und „Gute Nacht schöne Frau, ruh dich gut aus. Es war ganz toll heute.“ So oder so ähnlich. Sie helfen dir Angebote in deinem Chat anzupreisen, die Stimmung anzuheizen und unliebsame User aus dem Raum zu bannen. Sie kennen sich untereinander oft schon seit Jahren. Einer dieser Moderatoren lullte mich, neben der Arbeit für alle, in einem Privat-Chat immer öfter mit obskuren Sci-Fi-S/M-Fantasien ein, die mich sprachlich als Autorin sehr faszinierten und die mich zudem - es ist fraglich als welche Person - sehr erregten. Ich bat ihn etwas zu schreiben und er legte los, wann immer ich wollte. Es war von monströsen Fickmaschinen die Rede, aber auch von von einer Heerschar eines bestimmten Menschenschlages, den ich vergessen habe und ein Richter war auch anwesend. Es begeisterte mich so sehr von dieser Fantasie erotisch und auf meine Reaktionen abgestimmt in immer neue Welten getragen zu werden – auch wenn ich für das Sci-Fi-Genre bisher noch nie Gefühle hegen konnte. Irgendwie brachte er mich da auf erregtem Wege rein, überzeugte mich sprachlich – was selten passiert - und entführte meine verwirrten Sinne, so dass ich Neugier für den Menschen dahinter entwickelte… Manchmal schrieben wir auch über seine oder meine Situation. Ich wusste, dass er mit seiner Mutter in einem Haus zusammenlebte und sich um sie kümmerte. Oder sie sich um ihn? Als er mich eines Nachmittags einlud in seinen Cam-Chatraum mit der angeschalteten Kamera zu kommen, konnte ich meinen Augen kaum trauen. Er saß in diesem Zimmer, hörte laut Schlager und stieß laute Töne und unbändiges Lachen aus. Ich hatte Schwierigkeiten das alles zusammenzubringen. Beim Anschauen von ihm hatte ich den Eindruck, er könne vielleicht gar nicht so einwandfrei sprechen? Er machte eher wirklich nur Laute und kommentierte das Geschehen als hätte er 20 Bier intus oder sei geistig einfach ein bisschen woanders. Es war ein Wunder, das etwas verriet: Das bloße Antlitz einer Person kann sehr stark täuschen. So stark hatte ich es bisher noch nie wahrgenommen. 



Es erzählt mir jetzt auch, dass die frühen Morgen- oder die späten Arbeitsstunden fleißig sein können. Aber das kann auch weich ablaufen. Ich Glückspilz, dachte ich damals. Ich kann tanzen, meinen Körper spüren und eine gewisse Schönheit genießen, an der andere teilhaben können und damit verdiene ich ein wenig Geld. Viel war es auch nicht unbedingt immer. 

Manchmal auch gar nichts. Das ist das Jobrisiko. Manchmal kommt einfach keiner vorbei, der zahlen will. Und dann habe ich trotzdem getanzt. Es wertet sich nicht ab dadurch. 

Als Autorin hätte ich mir manchmal gewünscht einfach weiterzuschreiben, nachdem Menschen meine Texte abgelehnt haben. Einfach immer weiter schreiben, einfach immer weiter tanzen. Das nehme ich mit rüber in die Pandemiezeiten: Seine eigenen Flüsse schaffen. 


Es ist irgendwie auch ein beruhigendes Gefühl, wenn einen alle nackt kennen. Das, was sonst intim verborgen manchmal schamvoll wirken kann, entfaltet sich intim herausgekehrt wie eine Multiplizierung intimer Befreiungsgefühle. Es ist eine Welt, die sich nur dem sexuellen Trieb fügt und nicht umgekehrt. Viele User bleiben treu. Es ist eine ganz besondere Beziehung, die sich da entwickelt - wie eine Menge stabiler Affären. Treu meinem Arsch, der vielmals offen bekundet, natürlich der allerschönste ist. Das ist eine Treue, die ich sehr gut aushalten kann. 

Im freien sexuellen Raum ist eben das das Ausschlaggebende: Die Lust. Alles formiert sich um sie herum. Wenn frau einmal von sich abgestreift hat, dass es schlimm oder verwerflich ist, wenn fremde Männer auf dem eigenen Antlitz masturbieren, ist eigentlich nichts mehr schlimm oder verwerflich. Das klingt so negativ. Es ist aber eigentlich sehr sehr positiv. Es ist eine freie Sprache, die sich da durch den Chat formiert. Weil ich sie als eine Art Medium und Impulsgeberin auch steuere und Unliebsames eliminieren lasse, ist es ein sehr geschützter Raum. Damals...ich traue mich das kaum zu denken. Vor Corona war dieser Onlineraum für uns eine Freiheit von allem mit Bedeutung. Ein purer Kunstgenuss, Freude am Dasein und das Genießen davon jemanden mit Gesicht, Charakter und Impulsen direkt sexuelle Dinge sagen zu können und zu sehen durch die Cam, wie diese Person schmelzen kann. Schmelzen vor Worten.


Der Raum vor dem Bildschirm ist ja eigentlich erweitert. Wenn ich vor ihm auf dem Bett liege und masturbiere oder ihn auf eine kleine Kiste stelle und mich auf dem Boden räkele. Ob ich eine Kerze nebendran anmache oder die richtige Musik aus den Boxen läuft wie magisch. 

Erotische Energien sind ein Übertragungsfaktor für Inhalte, die uns aufwühlen können, besänftigen oder durch eine andere Stimmung leiten. Es gibt viele beglückende Wege und Umwege vor dem Orgasmus. Ich ergötzte mich damals an #anziehpornos. Ich wollte einfach ausprobieren so erotisch wie möglich Kleidungsstück für Kleidungsstück wieder anzuziehen, von der Nacktheit aufzuerstehen. 

Als Performancekünstlerin war es für mich ein Traum durch die Erotik meinen Stimmungen und Widerhaken Ausdruck zu verleihen. Ein sehr dankbares Publikum. Irgendwann mal nahm ich sie heimlich mit auf eine Live-Performance und ließ die Zuschauer'innen vor Ort den Live-Chat verfolgen und den Musikmix mitbestimmen, auf den ich tanzte im Paillettenkleid, das sich regenbogenfarben auf den Kacheln spiegelte und den ganzen Raum wie eine Diskokugel ausstattete. Das war lange vor Corona...als es noch Live-Publikum gab. 


Aber die spezifische und die Live-Welt anlockende Online-Welt ist verbogen. Niemals sollte ein Escort im Berufsverbot deshalb ein Camgirl werden müssen. Es wird anderes gesucht und anderes gefunden . Wenn sich die Live-Welt so massiv verschiebt und limitiert, kann das kein unbedingtes Ausbreiten auf die Online-Welt bedeuten. Vieles muss dort neu gelernt werden. Wir können es uns neu aneignen, falls es uns Spaß machen sollte. Und wir können auch etwas herübernehmen aus der Vor-Corona-Online-Erfahrung als eigene Welt. 

Vielleicht, dass es möglich ist eine ganz eigene intime Welt vor dem Computer aufzubauen. Ich denke, dass die Freiheit Fetische auszuleben oder besonderen Bedürfnissen nachzugehen online erstmal leichter möglich ist. Sich erstmal anschauen geht immer. Es lässt sich wieder wegklicken. 

Wegklicken – auch das war für mich ein mächtiges Tool. Wenn mir jemand blöd kam, konnte ich ihn für immer aus meinem Raum bannen. Eine heilsame Fantasie, die bestimmt jede Frau schon mal hatte: Du verstößt gegen meine Regeln? Klick und weg, für immer... 

Gleichzeitig bezahlte ich in dieser Zeit auch ab und zu Männer für PrivatCam-Minuten. Es war ein Genuss ihnen zu sagen, was sie zu tun hatten. Es war schön, wenn sie Grenzen formulierten. Es war schön, wenn sie auch mal in der Position waren, einmal auch die Bitch zu sein. Dieser Machtwechsel kann sehr anregend sein. Ich mochte es, wenn sie mit mir sprachen und ich ihnen Anweisungen schrieb und sie mit Komplimenten überhäufte. 

Nun bin ich gerne nur für bestimmte Gelegenheiten sehr teuer sehr berührbar und sonst sehr unberührbar. Ich genieße dafür privaten Sex. Meine Chefin nennt es höhnisch „Gratissex“. Ich finde es ist einfach nur etwas sehr Elementares. Etwas tolles, spannendes und wichtiges. Wenn jemand bestimmtes in mir ist, weiß ich wirklich nicht, was ich sonst noch im Leben brauche. Ich verstehe nicht wieso sich unsere Gesellschaft nicht viel bewusster frei auf diese wertvolle Möglichkeit im Leben ausrichtet. Es macht mich traurig... 

Also empfehle ich banale Dinge. Sowas wie Pornos gucken. Aber gute.... sich Vibratoren kaufen und den Stimmungen freien Lauf lassen. Mal was dazu aufschreiben, mal was davon erzählen. Mal was davon Gestalt werden lassen. Es hat eine erzählerische Kraft.


Rahel Kaléko, 32




Header &  Foto by John Rocha

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26Feb


Wir freuen uns unseren Audiowalk LET’S WALK ALONE im Juli 2021 in Berlin ankündigen zu dürfen! 

Basierend auf den Recherche-Ergebnissen dieser Website entwickeln MS Schrittmacher, gefördert im Rahmen des Programms NEUSTART KULTUR #TakeAction des Fonds Daku, einen Audiowalk, der sich mit der veränderten Choreographie des Alltags seit dem Ausbruch der Covid-19 Pandemie auseinandersetzt. 

Wir laden euch ein, eine individuelle Tour durch Berlin-Mitte zu erleben, die die veränderte Beziehung zu unseren eigenen Körpern und denen der anderen erfahrbar macht und unsere Wahrnehmung der Alltagsumgebung durch die Brille eines magischen Urbanismus in Frage stellt. Auf wen reagieren wir und wie begegnen wir anderen Menschen? Welche Rolle spielen die Spuren, die wir hinterlassen und die andere vor uns gelegt haben? Wie nehmen wir den öffentlichen Raum wahr und wie weit können wir unserer Wahrnehmung überhaupt noch trauen seit die Pandemie alles, was wir zuvor als unveränderlich und gegeben betrachteten grundlegend in Frage stellte? 

Auf unserem Blog werden wir den Walk begleiten und die neuen Perspektiven, die er aufwirft, versammeln. Durch das Zusammentragen der individuellen Erfahrungen der Teilnehmenden fügen wir so eine weitere Ebene zur Dokumentation der veränderten Choreographie des Alltags hinzu.


LET'S WALK ALONE - Audiowalk 

gefördert im Rahmen des Programms NEUSTART KULTUR #TakeAction des Fonds Daku


YOU’LL NEVER WALK ALONE – Rechercheprojekt 

gefördert im Reload Stipendienprogramm für Freie Gruppen der Kulturstiftung des Bundes 







Header by Ketut Subiynato & Ingo Joseph

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24Feb


ICH SEHE wie eine Frau auf mich zukommt, sehr zielstrebig. Sie bleibt in etwas Entfernung vor mir stehen und sagt laut und deutlich: “Ich bin gehörlos und muss Lippen lesen. Sie können Ihre Maske abnehmen, um mit mir zu sprechen.” 

Ich ziehe die Maske herunter und sage ebenfalls möglichst deutlich: “Alles klar!” 

Sie wirkt auf einmal ganz erleichtert. “Danke, dass Sie das gleich verstehen. Die anderen antworten immer mit Maske auf.”


NB



Header by Anna Shvets 




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20Feb


Efrat Stempler ist Dozentin für Bewegung im Schauspiel an der Zürcher Hochschule der Künste. 

ICH SEHE meine Studierenden an, die frontal vor mir stehen. Das neue Konzept hat dazu geführt, dass ich meinen Unterricht auf frontal umgestellt habe, und jetzt stehe ich vorne, mit dem Gesicht zu ihnen auf Abstand von mindestens zwei Metern und zeige, was zu tun ist. Den Studierenden wurden Matten zugeteilt. In der ersten Hälfte des Unterrichts arbeiten sie auf diesen ‚Inseln‘. Danach wenn die Studierenden sich im Raum bewegen sollen, muss ich ganz sorgfältig darauf achten, dass sie sich immer im Abstand von mindestens 1,5 Meter zueinander befinden. 

In der letzten Woche habe ich angefangen mit dem Konzept von Abstand ganz bewusst und gezielt als Teil der Improvisation zu arbeiten.
Ich bin fasziniert, was daraus entsteht. Ein gezieltes Spiel und körperliche Kommunikation über Distanz kann sehr spannend sein. Auch wenn es etwas mühsam ist.

28. September 2020


Ich frage mich, wie wir die Schokolade teilen sollen. Ich habe sie für die Studierenden mitgebracht. Ich wollte sie ganz einfach verteilen. Als ich die Packung aufgemacht habe, habe ich gemerkt, dass es ein Problem gibt; ich darf die Schokolade ja nicht anfassen. Ich hatte erst einen Studierenden gebeten, dass er mir das Desinfektionsmittel holt, doch dann habe ich eine Lösung gefunden - ich habe die Schokolade mit dem Packungspapier zerdrückt und geteilt. Es sind diese banalen Taten, die wir völlig neue denken müssen.

30. September 2020


Ich sehe, wie schnell man die neuen Regeln auch immer wieder vergessen kann. Zum Bergfest am letzten Freitag habe ich Trauben und Chips mitgebracht. Wir haben die Tüte ganz normal aufgemacht uns alle haben immer wieder mit ihren Händen hineingefasst. In Nachhinein ist uns unser Fehler aufgefallen. 

Ich sehe die zwei Studentinnen, die ich gebeten habe, zusammen einen Text vorzulesen. Da das Blatt nicht übertragbar ist und der 1.5 Meter Abstand unbedingt eingehalten werden muss, haben sie eine sehr komische Komposition gefunden - die eine Studentin steht mit Abstand hinter der anderen sitzenden Studentin, die das Blatt hält. Wenn diese dran ist, muss sie sich über die sitzende Studentin bücken um lesen zu können, während die sitzende Studentin ihren Arm ausstreckt, das Blatt von sich wegschiebt und sich mit ihren Körper zur Seite bewegt.

07. Oktober 2020


ES




Header by Anna Shvets & geralt

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17Feb


Besonders die Kunst muss in pandemischen Zeiten, in denen geschlossene Räume und körperliche Nähe zur Gefahr werden können viele Aspekte ihres Daseins, ihrer Arbeitsweise und der Erreichbarkeit ihres Publikums neu denken. 

In ihrer Eröffnungsrede für die European Dancehouse Network Videokonferenz "What’s Next in Restructuring the Dance Ecosystem" stellt sich die Choreographin und Rosas Company Gründerin Anne Teresa De Keersmaeker die Frage, welchen Platz der Tanz in der alltäglichen Choreographie der Corona Pandemie einnimmt. Können wir einen Weg finden, unter diesen Umständen weiter zu tanzen? Und können wir einen Weg finden, wie der Tanz in diesen Zeiten helfen kann? 

Zum Nachlesen gibt es diese Rede hier



Dass es möglich ist, auch im Bereich Tanz, kreative Workshops mit den Mittel einer Videokonferenz-Plattform umzusetzen,  zeigt der Online Intensiv-Workshops mit Thusnelda Mercy im Rahmen des universitären Kooperationsprojektes Uni-Tanz Lecce.



Bereits seit dem 19. März ist die neu Theater-Streaming-Plattform Spectyou aus Basel online. Die erste zentrale Plattform für Schauspiel, Tanz und Performance im deutschsprachigen Raum will das Theater demokratisieren, indem sie einen direkten und digitalen Zugang zu aktuellen Theaterstücken in voller Länge ermöglicht und Theaterschaffende vernetzen. Spectyou soll ein Ort des Austausches und der Forschung für Künstler*innen, Forschende, Lehrende und Studierende sein. Aber eben auch ein Ort der Präsentation für Zuschauer,*innen die Theaterproduktionen erleben können, an denen sie offline nicht teilhaben könnten. Die Streaming-Plattform wurde über zwei Jahre entwickelt, ist also kein Corona-Projekt, und ging, als die Theater schlossen, deutlich früher online als geplant, um Kultur weiterhin stattfinden zu lassen. Für die Theaterschaffenden und ihre Zuschauer*innen. Im Herbst 2021 ist das analog-digitale Festival TOOLS geplant.



Florian, Aline und Anica von Kunst Karambolage haben auf dem Luzerner Kunstblog frachtwerk aufgeschrieben, wie sie die Ausstellung «Whiteout» der zehnten Ausgabe der interkantonalen Cantonale Bern Jura im Kunstmuseum Thun erlebt haben.

KUNST-KARAMBOLAGE – Per Zoom und Mausklick durch virtuelle Ausstellungsräume - Kulturmagazin frachtwerk 



Der NDR berichtet wie bildende Künstler*innen, um sichtbar zu bleiben, ihren Weg raus aus den geschlossenen Ausstellungsräumen in den Öffentlichen Raum finden und ihre Werke in Schaufenstern präsentieren.

Kunst und Corona: Mit Fensterausstellungen sichtbar bleiben | NDR.de - Kultur - Kunst - Schleswig-Holstein 



Header by Pezibear


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