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04Mar


Lernen vom Camgirl in mir

Ein Gastbeitrag

Zu Anteilen hat mein Alltag schon eine ganze Weile in der Online- und Zuhausewelt stattgefunden. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich als Künstlerin mit dem Bildschirm: dem, was aus dem Bildschirm rauskommt und dem, was in den Bildschirm reingeht. Der Raum zwischen Mir und Bildschirm ist eine eigene Welt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und Ritualen. 

Vor 2 Jahren war ich mal ungefähr ein Jahr Camgirl. Jetzt bin ich High Class Escort mit Berufsverbot. Am Anfang der ersten Welle wurde vielfach die Verzweiflung von Sexarbeiter'innen laut, sie können die Umstellung von leiblichen Treffen auf erotische Anschau-Angebote im Netz nicht leisten. Das ist sehr gut zu verstehen. Obwohl der Beruf eines Escorts und der eines Camgirls beide zu den erotischen und sexuellen Dienstleistungen gehören, unterscheiden sie sich jedoch so viel voneinander, wie sie sich zu einer Trantramasseurin, einer Sexualassistentin für Menschen mit Behinderung, einer Stripperin oder einer Bordellhure unterscheiden.

 Ich will in diesem Text berichten, was für eine spezielle emotionale Choreografie  CamSex@home bedarf. Für mich wird die Zeit, in der ich als Darstellerin Rarrr mit #hairypussy und #ecstaticdancing und Würfelspielen, in denen ich mit dem Zeigen erwürfelter Körperteile als aktivem Anschauungsmaterial Geld verdiente, gerade wieder zur lebendigen amüsierten Erinnerung. Ich will erzählen, worin diese Arbeit für mich bestand und wie ich nach dem Aufhören und Beginn eines Berufs mit Berufsverbot trotzdem nicht wieder dahin zurückkehrte, sondern einzelne freigesetzte Zuhause-Strategien mir auch bei anderen Verrichtungen in der Pandemie helfen sollten. 


Vielleicht sind es erst mal Sachen, an die mensch gar nicht so denkt. Ich stand gerne früh auf und machte die Kamera an. Dann spielte ich meine Lieblingsmusik. Meist treibende Beats, meist trappiges, wenn ich eher faul war  Lo-fi, wenn ich aufdrehte auch Nina Simone oder Rock'n'Roll, Klezmer aber gerne auch Lieder wie „Money“ von Leikely47, die explizit das Thema formulierten. Ich mochte von der Haltung diese bitchy bossy Tracks; vor einem halben Jahr hätte ich wahrscheinlich Haity – Sweet gespielt. Damals viel Princess Nokia oder Zebra Katz. Wenn ich traurig war ... auch Trauriges. Ich kurvte um meine Zuschauer und versuchte jeden irgendwo einzuholen und zog mich ein bisschen dabei aus. Wie eine ganz besondere Morning-Radio-Show. Morgens hauptsächlich Stretchen. Leichte Tanzschritte, eher beiläufig sexuell. Es war wahnsinnig sinnig meine Glieder zu strecken und zu recken und dabei Komplimente für mein Antlitz einzuheimsen. Eine Art Ego-Stretching auch. Es ist 6 Uhr morgens, im Chat ist viel los aber nicht zu trubelig. Zahlungswillige und freundliche Kunden. Häufig wirkt es wie Geschäftsmänner, die sehr früh vor der Arbeit noch ihren Sehnsüchten nachgehen. Viele Menschen, die mir einen Guten Morgen wünschten. 


Es gibt Situationen in meinem Leben, die ich nur noch mit lauter Musik lösen kann. Und es gibt Situationen in meinem Leben, die ich nur noch um 6 Uhr morgens lösen kann. Umso mehr, seitdem ich wieder mehr schreibe und insbesondere seit der Pandemie. 3 laute Lieder meist, die sich tagsüber immer wieder wiederholen, sich mir und anderen mitteilen. 

Momentan schreibe ich viel. Als Camgirl habe ich eigentlich auch viel geschrieben. Es war alles sehr chatintensiv. Hin-und hergeworfene Worte mit Fremden. Oft schrieben sie mir Nachrichten in die Postbox. Manchmal entsponnen sich lange sehr explizite Gespräche... 

Es gibt dort so was, wie ehrenamtliche Moderatoren. Sie begleiten dich durch deinen Alltag, schreiben dir „Guten Morgen Prinzessin“ in die Postbox und „Gute Nacht schöne Frau, ruh dich gut aus. Es war ganz toll heute.“ So oder so ähnlich. Sie helfen dir Angebote in deinem Chat anzupreisen, die Stimmung anzuheizen und unliebsame User aus dem Raum zu bannen. Sie kennen sich untereinander oft schon seit Jahren. Einer dieser Moderatoren lullte mich, neben der Arbeit für alle, in einem Privat-Chat immer öfter mit obskuren Sci-Fi-S/M-Fantasien ein, die mich sprachlich als Autorin sehr faszinierten und die mich zudem - es ist fraglich als welche Person - sehr erregten. Ich bat ihn etwas zu schreiben und er legte los, wann immer ich wollte. Es war von monströsen Fickmaschinen die Rede, aber auch von von einer Heerschar eines bestimmten Menschenschlages, den ich vergessen habe und ein Richter war auch anwesend. Es begeisterte mich so sehr von dieser Fantasie erotisch und auf meine Reaktionen abgestimmt in immer neue Welten getragen zu werden – auch wenn ich für das Sci-Fi-Genre bisher noch nie Gefühle hegen konnte. Irgendwie brachte er mich da auf erregtem Wege rein, überzeugte mich sprachlich – was selten passiert - und entführte meine verwirrten Sinne, so dass ich Neugier für den Menschen dahinter entwickelte… Manchmal schrieben wir auch über seine oder meine Situation. Ich wusste, dass er mit seiner Mutter in einem Haus zusammenlebte und sich um sie kümmerte. Oder sie sich um ihn? Als er mich eines Nachmittags einlud in seinen Cam-Chatraum mit der angeschalteten Kamera zu kommen, konnte ich meinen Augen kaum trauen. Er saß in diesem Zimmer, hörte laut Schlager und stieß laute Töne und unbändiges Lachen aus. Ich hatte Schwierigkeiten das alles zusammenzubringen. Beim Anschauen von ihm hatte ich den Eindruck, er könne vielleicht gar nicht so einwandfrei sprechen? Er machte eher wirklich nur Laute und kommentierte das Geschehen als hätte er 20 Bier intus oder sei geistig einfach ein bisschen woanders. Es war ein Wunder, das etwas verriet: Das bloße Antlitz einer Person kann sehr stark täuschen. So stark hatte ich es bisher noch nie wahrgenommen. 



Es erzählt mir jetzt auch, dass die frühen Morgen- oder die späten Arbeitsstunden fleißig sein können. Aber das kann auch weich ablaufen. Ich Glückspilz, dachte ich damals. Ich kann tanzen, meinen Körper spüren und eine gewisse Schönheit genießen, an der andere teilhaben können und damit verdiene ich ein wenig Geld. Viel war es auch nicht unbedingt immer. 

Manchmal auch gar nichts. Das ist das Jobrisiko. Manchmal kommt einfach keiner vorbei, der zahlen will. Und dann habe ich trotzdem getanzt. Es wertet sich nicht ab dadurch. 

Als Autorin hätte ich mir manchmal gewünscht einfach weiterzuschreiben, nachdem Menschen meine Texte abgelehnt haben. Einfach immer weiter schreiben, einfach immer weiter tanzen. Das nehme ich mit rüber in die Pandemiezeiten: Seine eigenen Flüsse schaffen. 


Es ist irgendwie auch ein beruhigendes Gefühl, wenn einen alle nackt kennen. Das, was sonst intim verborgen manchmal schamvoll wirken kann, entfaltet sich intim herausgekehrt wie eine Multiplizierung intimer Befreiungsgefühle. Es ist eine Welt, die sich nur dem sexuellen Trieb fügt und nicht umgekehrt. Viele User bleiben treu. Es ist eine ganz besondere Beziehung, die sich da entwickelt - wie eine Menge stabiler Affären. Treu meinem Arsch, der vielmals offen bekundet, natürlich der allerschönste ist. Das ist eine Treue, die ich sehr gut aushalten kann. 

Im freien sexuellen Raum ist eben das das Ausschlaggebende: Die Lust. Alles formiert sich um sie herum. Wenn frau einmal von sich abgestreift hat, dass es schlimm oder verwerflich ist, wenn fremde Männer auf dem eigenen Antlitz masturbieren, ist eigentlich nichts mehr schlimm oder verwerflich. Das klingt so negativ. Es ist aber eigentlich sehr sehr positiv. Es ist eine freie Sprache, die sich da durch den Chat formiert. Weil ich sie als eine Art Medium und Impulsgeberin auch steuere und Unliebsames eliminieren lasse, ist es ein sehr geschützter Raum. Damals...ich traue mich das kaum zu denken. Vor Corona war dieser Onlineraum für uns eine Freiheit von allem mit Bedeutung. Ein purer Kunstgenuss, Freude am Dasein und das Genießen davon jemanden mit Gesicht, Charakter und Impulsen direkt sexuelle Dinge sagen zu können und zu sehen durch die Cam, wie diese Person schmelzen kann. Schmelzen vor Worten.


Der Raum vor dem Bildschirm ist ja eigentlich erweitert. Wenn ich vor ihm auf dem Bett liege und masturbiere oder ihn auf eine kleine Kiste stelle und mich auf dem Boden räkele. Ob ich eine Kerze nebendran anmache oder die richtige Musik aus den Boxen läuft wie magisch. 

Erotische Energien sind ein Übertragungsfaktor für Inhalte, die uns aufwühlen können, besänftigen oder durch eine andere Stimmung leiten. Es gibt viele beglückende Wege und Umwege vor dem Orgasmus. Ich ergötzte mich damals an #anziehpornos. Ich wollte einfach ausprobieren so erotisch wie möglich Kleidungsstück für Kleidungsstück wieder anzuziehen, von der Nacktheit aufzuerstehen. 

Als Performancekünstlerin war es für mich ein Traum durch die Erotik meinen Stimmungen und Widerhaken Ausdruck zu verleihen. Ein sehr dankbares Publikum. Irgendwann mal nahm ich sie heimlich mit auf eine Live-Performance und ließ die Zuschauer'innen vor Ort den Live-Chat verfolgen und den Musikmix mitbestimmen, auf den ich tanzte im Paillettenkleid, das sich regenbogenfarben auf den Kacheln spiegelte und den ganzen Raum wie eine Diskokugel ausstattete. Das war lange vor Corona...als es noch Live-Publikum gab. 


Aber die spezifische und die Live-Welt anlockende Online-Welt ist verbogen. Niemals sollte ein Escort im Berufsverbot deshalb ein Camgirl werden müssen. Es wird anderes gesucht und anderes gefunden . Wenn sich die Live-Welt so massiv verschiebt und limitiert, kann das kein unbedingtes Ausbreiten auf die Online-Welt bedeuten. Vieles muss dort neu gelernt werden. Wir können es uns neu aneignen, falls es uns Spaß machen sollte. Und wir können auch etwas herübernehmen aus der Vor-Corona-Online-Erfahrung als eigene Welt. 

Vielleicht, dass es möglich ist eine ganz eigene intime Welt vor dem Computer aufzubauen. Ich denke, dass die Freiheit Fetische auszuleben oder besonderen Bedürfnissen nachzugehen online erstmal leichter möglich ist. Sich erstmal anschauen geht immer. Es lässt sich wieder wegklicken. 

Wegklicken – auch das war für mich ein mächtiges Tool. Wenn mir jemand blöd kam, konnte ich ihn für immer aus meinem Raum bannen. Eine heilsame Fantasie, die bestimmt jede Frau schon mal hatte: Du verstößt gegen meine Regeln? Klick und weg, für immer... 

Gleichzeitig bezahlte ich in dieser Zeit auch ab und zu Männer für PrivatCam-Minuten. Es war ein Genuss ihnen zu sagen, was sie zu tun hatten. Es war schön, wenn sie Grenzen formulierten. Es war schön, wenn sie auch mal in der Position waren, einmal auch die Bitch zu sein. Dieser Machtwechsel kann sehr anregend sein. Ich mochte es, wenn sie mit mir sprachen und ich ihnen Anweisungen schrieb und sie mit Komplimenten überhäufte. 

Nun bin ich gerne nur für bestimmte Gelegenheiten sehr teuer sehr berührbar und sonst sehr unberührbar. Ich genieße dafür privaten Sex. Meine Chefin nennt es höhnisch „Gratissex“. Ich finde es ist einfach nur etwas sehr Elementares. Etwas tolles, spannendes und wichtiges. Wenn jemand bestimmtes in mir ist, weiß ich wirklich nicht, was ich sonst noch im Leben brauche. Ich verstehe nicht wieso sich unsere Gesellschaft nicht viel bewusster frei auf diese wertvolle Möglichkeit im Leben ausrichtet. Es macht mich traurig... 

Also empfehle ich banale Dinge. Sowas wie Pornos gucken. Aber gute.... sich Vibratoren kaufen und den Stimmungen freien Lauf lassen. Mal was dazu aufschreiben, mal was davon erzählen. Mal was davon Gestalt werden lassen. Es hat eine erzählerische Kraft.


Rahel Kaléko, 32




Header &  Foto by John Rocha

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26Feb


Wir freuen uns unseren Audiowalk LET’S WALK ALONE im Juli 2021 in Berlin ankündigen zu dürfen! 

Basierend auf den Recherche-Ergebnissen dieser Website entwickeln MS Schrittmacher, gefördert im Rahmen des Programms NEUSTART KULTUR #TakeAction des Fonds Daku, einen Audiowalk, der sich mit der veränderten Choreographie des Alltags seit dem Ausbruch der Covid-19 Pandemie auseinandersetzt. 

Wir laden euch ein, eine individuelle Tour durch Berlin-Mitte zu erleben, die die veränderte Beziehung zu unseren eigenen Körpern und denen der anderen erfahrbar macht und unsere Wahrnehmung der Alltagsumgebung durch die Brille eines magischen Urbanismus in Frage stellt. Auf wen reagieren wir und wie begegnen wir anderen Menschen? Welche Rolle spielen die Spuren, die wir hinterlassen und die andere vor uns gelegt haben? Wie nehmen wir den öffentlichen Raum wahr und wie weit können wir unserer Wahrnehmung überhaupt noch trauen seit die Pandemie alles, was wir zuvor als unveränderlich und gegeben betrachteten grundlegend in Frage stellte? 

Auf unserem Blog werden wir den Walk begleiten und die neuen Perspektiven, die er aufwirft, versammeln. Durch das Zusammentragen der individuellen Erfahrungen der Teilnehmenden fügen wir so eine weitere Ebene zur Dokumentation der veränderten Choreographie des Alltags hinzu.


LET'S WALK ALONE - Audiowalk 

gefördert im Rahmen des Programms NEUSTART KULTUR #TakeAction des Fonds Daku


YOU’LL NEVER WALK ALONE – Rechercheprojekt 

gefördert im Reload Stipendienprogramm für Freie Gruppen der Kulturstiftung des Bundes 







Header by Ketut Subiynato & Ingo Joseph

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24Feb


ICH SEHE wie eine Frau auf mich zukommt, sehr zielstrebig. Sie bleibt in etwas Entfernung vor mir stehen und sagt laut und deutlich: “Ich bin gehörlos und muss Lippen lesen. Sie können Ihre Maske abnehmen, um mit mir zu sprechen.” 

Ich ziehe die Maske herunter und sage ebenfalls möglichst deutlich: “Alles klar!” 

Sie wirkt auf einmal ganz erleichtert. “Danke, dass Sie das gleich verstehen. Die anderen antworten immer mit Maske auf.”


NB



Header by Anna Shvets 




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20Feb


Efrat Stempler ist Dozentin für Bewegung im Schauspiel an der Zürcher Hochschule der Künste. 

ICH SEHE meine Studierenden an, die frontal vor mir stehen. Das neue Konzept hat dazu geführt, dass ich meinen Unterricht auf frontal umgestellt habe, und jetzt stehe ich vorne, mit dem Gesicht zu ihnen auf Abstand von mindestens zwei Metern und zeige, was zu tun ist. Den Studierenden wurden Matten zugeteilt. In der ersten Hälfte des Unterrichts arbeiten sie auf diesen ‚Inseln‘. Danach wenn die Studierenden sich im Raum bewegen sollen, muss ich ganz sorgfältig darauf achten, dass sie sich immer im Abstand von mindestens 1,5 Meter zueinander befinden. 

In der letzten Woche habe ich angefangen mit dem Konzept von Abstand ganz bewusst und gezielt als Teil der Improvisation zu arbeiten.
Ich bin fasziniert, was daraus entsteht. Ein gezieltes Spiel und körperliche Kommunikation über Distanz kann sehr spannend sein. Auch wenn es etwas mühsam ist.

28. September 2020


Ich frage mich, wie wir die Schokolade teilen sollen. Ich habe sie für die Studierenden mitgebracht. Ich wollte sie ganz einfach verteilen. Als ich die Packung aufgemacht habe, habe ich gemerkt, dass es ein Problem gibt; ich darf die Schokolade ja nicht anfassen. Ich hatte erst einen Studierenden gebeten, dass er mir das Desinfektionsmittel holt, doch dann habe ich eine Lösung gefunden - ich habe die Schokolade mit dem Packungspapier zerdrückt und geteilt. Es sind diese banalen Taten, die wir völlig neue denken müssen.

30. September 2020


Ich sehe, wie schnell man die neuen Regeln auch immer wieder vergessen kann. Zum Bergfest am letzten Freitag habe ich Trauben und Chips mitgebracht. Wir haben die Tüte ganz normal aufgemacht uns alle haben immer wieder mit ihren Händen hineingefasst. In Nachhinein ist uns unser Fehler aufgefallen. 

Ich sehe die zwei Studentinnen, die ich gebeten habe, zusammen einen Text vorzulesen. Da das Blatt nicht übertragbar ist und der 1.5 Meter Abstand unbedingt eingehalten werden muss, haben sie eine sehr komische Komposition gefunden - die eine Studentin steht mit Abstand hinter der anderen sitzenden Studentin, die das Blatt hält. Wenn diese dran ist, muss sie sich über die sitzende Studentin bücken um lesen zu können, während die sitzende Studentin ihren Arm ausstreckt, das Blatt von sich wegschiebt und sich mit ihren Körper zur Seite bewegt.

07. Oktober 2020


ES




Header by Anna Shvets & geralt

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17Feb


Besonders die Kunst muss in pandemischen Zeiten, in denen geschlossene Räume und körperliche Nähe zur Gefahr werden können viele Aspekte ihres Daseins, ihrer Arbeitsweise und der Erreichbarkeit ihres Publikums neu denken. 

In ihrer Eröffnungsrede für die European Dancehouse Network Videokonferenz "What’s Next in Restructuring the Dance Ecosystem" stellt sich die Choreographin und Rosas Company Gründerin Anne Teresa De Keersmaeker die Frage, welchen Platz der Tanz in der alltäglichen Choreographie der Corona Pandemie einnimmt. Können wir einen Weg finden, unter diesen Umständen weiter zu tanzen? Und können wir einen Weg finden, wie der Tanz in diesen Zeiten helfen kann? 

Zum Nachlesen gibt es diese Rede hier



Dass es möglich ist, auch im Bereich Tanz, kreative Workshops mit den Mittel einer Videokonferenz-Plattform umzusetzen,  zeigt der Online Intensiv-Workshops mit Thusnelda Mercy im Rahmen des universitären Kooperationsprojektes Uni-Tanz Lecce.



Bereits seit dem 19. März ist die neu Theater-Streaming-Plattform Spectyou aus Basel online. Die erste zentrale Plattform für Schauspiel, Tanz und Performance im deutschsprachigen Raum will das Theater demokratisieren, indem sie einen direkten und digitalen Zugang zu aktuellen Theaterstücken in voller Länge ermöglicht und Theaterschaffende vernetzen. Spectyou soll ein Ort des Austausches und der Forschung für Künstler*innen, Forschende, Lehrende und Studierende sein. Aber eben auch ein Ort der Präsentation für Zuschauer,*innen die Theaterproduktionen erleben können, an denen sie offline nicht teilhaben könnten. Die Streaming-Plattform wurde über zwei Jahre entwickelt, ist also kein Corona-Projekt, und ging, als die Theater schlossen, deutlich früher online als geplant, um Kultur weiterhin stattfinden zu lassen. Für die Theaterschaffenden und ihre Zuschauer*innen. Im Herbst 2021 ist das analog-digitale Festival TOOLS geplant.



Florian, Aline und Anica von Kunst Karambolage haben auf dem Luzerner Kunstblog frachtwerk aufgeschrieben, wie sie die Ausstellung «Whiteout» der zehnten Ausgabe der interkantonalen Cantonale Bern Jura im Kunstmuseum Thun erlebt haben.

KUNST-KARAMBOLAGE – Per Zoom und Mausklick durch virtuelle Ausstellungsräume - Kulturmagazin frachtwerk 



Der NDR berichtet wie bildende Künstler*innen, um sichtbar zu bleiben, ihren Weg raus aus den geschlossenen Ausstellungsräumen in den Öffentlichen Raum finden und ihre Werke in Schaufenstern präsentieren.

Kunst und Corona: Mit Fensterausstellungen sichtbar bleiben | NDR.de - Kultur - Kunst - Schleswig-Holstein 



Header by Pezibear


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15Feb

Ein Gastbeitrag

Es ist das erste Mal, dass ich meinen Vater sehe, seitdem wir wissen, dass er Lungenkrebs hat. Fortgeschritten. Unheilbar. Schmerzhaft. Beängstigend. 

Ich wage es nicht, ihn zu umarmen. Einer von vielen Momenten, die an mir zerren. Was immer ich tue, es ist richtig und falsch zugleich. Ich hatte noch nie so viel Alkohol an den Händen wie an diesem Tag. 

In den nächsten Stunden mit meinem Vater werde ich meine Maske nur einmal abnehmen. Ich erkläre ihm den ärztlichen Befund, den er nicht gelesen hat, und merke, er hat noch gar nicht realisiert, dass er todkrank ist. Da nehme ich die Maske ab, weil ich befürchte, dass sie alle Emotion und Empathie von ihm fernhält. So oder so bin ich ein Todesengel. 

Er sagt nicht viel. Ich nehme seine Hand. Sie zittert. 

***

Ich protestiere innerlich, als mir mein Vater eröffnet, dass wir zum Kaffeetrinken eingeladen sind bei einer Frau, die ich nicht mag. Es ist immer eine überzuckerte langweilige Tortur und nun lauert auch noch Corona am Tisch. Ich versuche gar nicht erst zu erklären, dass wir drei Haushalte und damit temporär verboten sind. Ich bin zu viel. 

Eine alte Dame im rosa Pullover empfängt uns. Sie streckt mir unbekümmert ihre Hand entgegen. Sie kommt mir vor wie eine rosa Waffe. Ich erkläre, dass ich ihr nicht die Hand geben möchte.

 Ich erkläre, dass ich keinen Kuchen möchte. Ich möchte meine Maske nicht abnehmen, um die beiden nicht zu gefährden, und sage das auch. Die Herrin des Hauses hat offenbar beschlossen, dass sie in ihren vier Wänden keine Maske zu tragen braucht. Mein Vater hält sich an die Spielregeln und vollführt ein ebenso merkwürdiges wie sinnloses Spiel mit Kaffeetasse, Kuchengabel und blauem Stoff. Ich verweigere sogar den Tee. Der rosa Pullover sagt vorwurfsvoll: „Den habe ich extra für Sie gekocht!“ Ich bleibe stur und leide daran, dass ich so unhöflich bin. 

Mein Vater fühlt sich ungefährlich und sagt: „Wir sind ja keine Risikogruppe.“ Ach nein? Er ist 87, sie nicht wesentlich jünger. Ich komme aus Berlin und habe mit mulmigem Gefühl zweieinhalb Stunden im Zug verbracht, um hier zu sein. Darf man auf alte fürsorgliche Frauen wütend sein? 


BS



Header by StockSnap

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06Feb


ICH ERINNERE mich sehr gut an das Bild, wie vier Menschen sich trotz Corona gemeinsam durch eine Tür in einem Rohbau quetschten. 

Es war kurz vor Weihnachten 2020 in NRW. Eine sehr gute Freundin von mir und ich erschienen zu einer Wohnungsbesichtigung, die darüber entscheiden sollte, ob sie diese Wohnung bekommen würde. Wir waren zunächst zu viert. Meine Freundin und ich, beide selbstverständlich mit Maske, und die Maklerin und der Bauleiter, ebenso selbstverständlich ohne. Auch Abstand voneinander zu halten, war von Anfang an kein Thema. Aber nicht nur Abstand. Corona schien in diesem Rohbau grundsätzlich nicht zu existieren. Als der Bauherr, natürlich ohne Maske, zu uns stieß, begrüßte er alle Anwesenden mit Handschlag. Als ich ihm diese Art der Begrüßung, im Gegensatz zu meiner Freundin, verweigerte, reagierte er sehr pikiert. Für ihn zählte Höflichkeit anscheinend mehr als Infektionsschutz. Schließlich kam noch ein maskenloser Handwerker dazu, der uns anhand von Plänen erklärte, wo welche Anschlüsse in der Wohnung installiert werden würden. Keinen Abstand zu halten toppte der Mann locker, indem er bei seinen Erläuterungen fast Körperkontakt zu uns aufnahm. 

Gemeinsam besichtigten wir nun die geräumige Rohbauwohnung und meine Freundin und ich bleiben die einzigen, die weiterhin Maske trugen und auf Abstand achteten. Während die rauchende Maklerin, Bauleiter und Bauherr sich verhielten als habe es nie eine Pandemie gegeben, war es für uns ein ständiges Ausweichen. Dabei war es wirklich kein Problem auf 120 qm zwei Meter Platz zwischen sich und anderen zu lassen. Aber jedes Mal, wenn wir den Raum wechselten, quetschten sich die vier zusammen durch eine Rohbautür, als bliebe ihnen keine andere Möglichkeit.

Anschließend gingen wir gemeinsam dichtgedrängt durch das Treppenhaus um die Waschküche zu besichtigen, als der Bauherr scherzhaft meinte „Der Fahrstuhl funktioniert ja noch nicht“. In diesem Moment war ich heilfroh, dass wir uns in einem Rohbau befanden und es noch keinen Fahrstuhl gab, in den sich alle gequetscht hätten und es wohl auch von uns erwartet hätten. Vor dem Gang in den Keller, habe ich dann gepasst, bin nur noch raus und wartete draußen auf meine Freundin. 

Als sie nach der Besichtigung zum Auto kam, fragte sie mich augenblicklich nach Desinfektionsmittel. Ich fragte, warum sie dem Bauherrn die Hand gegeben hatte und meine Freundin berichtete mir von ihrem Konflikt, den sie in diesem Moment durchlebt hatte. Sie wollte dem Mann eigentlich auf keinen Fall die Hand geben. Innerlich war sie zunächst sogar zurückgezuckt.  Aber sie stand unter dem Druck, diese Wohnung unbedingt zu wollen. Da die Besichtigung darüber entschied, ob sie die große Wohnung mit dem weiten Blick bekam, hatte sie ebenso Angst unhöflich zu wirken. Letztlich war es eine Mischung aus Angst und Reflex, die sie dazu brachte, dem Bauleiter trotz Corona die Hand zu geben. 

Bei dieser Wohnungsbesichtigung habe ich mich gefühlt, als sei ich ständig auf der Flucht und war gezwungen eine Art von „Ausweich-Choreographie“ zu vollziehen. Dadurch, dass wir uns in einem Rohbau befanden, kam zwar immer noch frische Luft durch die Fensteröffnungen, aber durch das unvernünftige Verhalten der Maklerin, des Bauleiters, des Bauherren und des Handwerkers habe ich mich körperlich bedroht gefühlt.


MSt



Header by Mohamed Hassan

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04Feb


ICH WEISS genau, nach dem Ende der Pandemie, will ich nicht zurück in diese „Normalität“. 

Eine Pandemie hat nichts Gutes an sich. Sie ist eine Naturkatastrophe. Aber unser Umgang mit dieser Krise kann durchaus positive Aspekte haben, wenn nicht sogar Dinge zum Besseren wenden. Dafür aber müssen wir genau hinschauen. Corona hat uns viele gesellschaftliche Baustellen aufgezeigt oder sie deutlicher in den Focus gerückt und uns bewusst gemacht, an welchen Stellen wir weniger weit sind als wir dachten. Versäumnisse bei Digitalisierung und Pflege verschärfen die Krise, Homeoffice und Homeschooling beweisen, dass Haus- und Care-Arbeit immer noch hauptsächlich von Frauen geleistet wird. Zu wieviel „Normalität“ wir als Gesellschaft wieder zurückkehren und was wir ändern wollen, haben wir selbst in der Hand. Aber auch ein Blick auf unsere ganz individuelle „Normalität“ lohnt sich. Ich hätte auch ohne Corona darauf kommen können, aber ich brauchte den Lockdown als meinen Lehrer, um zu erkennen: Einige Aspekte meiner Lebensweise vor Corona machen mich krank. 

Der Lockdown hat mich entschleunigt und gleichzeitig in Bewegung gebracht. 

Ende Oktober haben mein Mann und ich uns freiwillig in einen Lockdown begeben, den wir bis heute praktizieren. Fahrten zum Supermarkt oder an die Oder für einen Spaziergang mit den Hunden sind seither alles, was wir außerhalb unseres Hauses und Gartens unternehmen. Ein einziges Mal trafen wir zwei Leute bei uns zuhause. Als wir mit dem Lockdown beginnen, bin ich in keinem guten körperlichen Zustand. Übergewicht, Arthrose und Rückenprobleme schleppe ich schon lange mit mir herum. Nach einem stressigen Sommer, in dem ich mal wieder mein Arbeitspensum maßlos übertrieben habe, kommen jetzt noch Atemnot und massive Erschöpfung dazu. Auch das ist nichts Neues für mich. Eine ähnliche Situation hatte ich bereits im Jahr zuvor. Teil einer immer wiederkehrenden „Normalität“ in meinen Leben ist es, meine körperlichen Bedürfnisse den alltäglichen Anforderungen unterzuordnen und nicht umgekehrt. Bewusst ist mir das zu Beginn unseres Lockdowns noch nicht. Über meine (körperlichen) Grenzen zu gehen habe ich all die Jahre als Notwendigkeit meines Daseins als freischaffender Künstler akzeptiert. Meine Erschöpfung zwingt mich in eine Erholungsphase mit viel Schlaf und nur den notwendigsten Arbeiten. Bis hierhin alles „normal“. Die Veränderung setzt ein, als ich wieder Kraft schöpfe, unruhig werde und wieder etwas tun will. „Normalerweise“ stürze ich mich jetzt in Arbeit und Aktivität. Spätestens als ich beginne launisch und mürrisch zu werden und mir selbst auf die Nerven falle. Aber selbst die Oderspaziergänge, die mich ablenken könnten von mir selbst, sind bald nicht mehr möglich, weil sich zu Corona noch die Afrikanische Schweinepest in Ostbrandenburg dazugesellt und der Fluss mit Elektrozäunen abgesperrt wird. 

Die Veränderung beginnt mit einem eigentlich nervigen Rückenyoga-Video, dass mein Mann mir aufs Handy schickt, weil die Rückenbeschwerden einfach nicht aufhören wollen. Darin begrüßt mich, begleitet von Meditationsmusik, eine junge Frau im Säuselton. „Hi, ich heiße Rebecca und heute werden wir zusammen n paar Übungen machen, um Stress abzubauen und unseren Rücken zu stärken.“ Anschließend turnt Rebecca mir die Übungen vor, wobei sie sich zusammenreißen muss, nicht zu lachen, um mich schließlich aufzufordern: „Wir fokussieren uns auf unseren Atem und lächeln dabei“. So weit so schlimm. Ich kann esoterisches Gerede nur schwer ertragen. Aber ich tue es trotzdem. Und entspanne. Ich mache weiter mit dem Yoga, obwohl sich mein System mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Doch gegen zwanzig Minuten Yoga, die meine Rückenschmerzen lindern, kommt es schwer an. Nach ein paar Tagen muss mein System einen weiteren Angriff vertragen. Die Entspannung macht mich ein kleines bisschen süchtig und ich beginne mit 5 Elemente Qi Gong. Dieses Mal leitet mich Wolfgang mit getragener, leicht heiliger Stimme durch die Übungen. Ich lerne schnell den Ablauf, um seine Stimme besser ausblenden zu können, was mir, im Gegensatz zu Rebeccas Stimme gelingt. Meine Entspannung vertieft sich. Mein System fährt starke Waffen auf. Arbeit und Deadlines stehen an. Ab und an habe ich keine Lust auf die Übungen und muss mich überwinden. Mittlerweile laufe ich im Anschluss eine Stunde auf einem kleinen Trampolin. Etwas, was ich lange vernachlässigt habe, um abzunehmen. Mein Sportprogramm umfasst jetzt zwei bis zweieinhalb Stunden. Ohne die Hundespaziergänge. Mein Blutdruck ist immer noch zu hoch, aber deutlich besser. Auch die Rückenschmerzen und die Arthrose im Fuß sind besser. Ich verliere Gewicht, bin fitter, bewege mich sicherer und aufrechter und gehe gelassener durch den Tag. Und zu meiner Überraschung will ich das nicht aufgeben. Dieses sich um mich selbst kümmern hat was. Ich entscheide mich bewusst dazu meine körperlichen Bedürfnisse über die Anforderungen des Alltags zu stellen und entwickele ein Gefühl für meinen Körper, dass ich lange nicht mehr hatte. Dies ist auch der Moment, an dem ich beginne, tiefgehender darüber nachzudenken, was mich vorher krank gemacht hat. Ich begreife, dass es das Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen des Alltags, meist Arbeit, und meinen körperlichen, aber auch geistigen Bedürfnissen ist. Ich begreife das auch, weil um mich herum mittlerweile auch alles in den Lockdown gegangen ist und Runterfahren sich ganz natürlich anfühlt. Denn meine Arbeit verrichte ich, wie auch vorher zuhause. Und ich verrichte sie weiterhin. Aber eben halbtags. Die andere Hälfte ist schon voll mit Yoga, Qi Gong, Trampolin und Zeit, die ich mit meinem Mann und den Hunden verbringe. Meine Tagesstruktur verändert sich. Die Zeit für mich und meinen Körper ist fester Bestandteil meines Alltags geworden. Mein neues „Normal“ weist meiner Arbeit einen neuen Platz zu, der ihr gut bekommt. Ich erledige sie lieber, ich bin beweglicher auch in meinen Gedanken, fasse mutigere Pläne und bin kreativer. Disziplin ist nicht mein Problem und so arbeite ich regelmäßig vier Stunden konzentriert. Ich erinnere mich an eine Psychologin, die mir einmal erzählte, zu mehr als vier Stunden konzentrierter Arbeit sei der Mensch nicht fähig. Und ich lächle dabei.


HS




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01Feb


ICH FRAGE dich, ob du dich daran erinnerst, wie es früher war, als du jemanden auf der anderen Straßenseite an der roten Ampel am Zebrastreifen gesehen hast? Du hast auf einer Seite gewartet, um die Person zu begrüßen und mit ihr zu sprechen. Das galt als höflich. Vielleicht hast du dich sogar über die zufällige Begegnung gefreut. Vielleicht warst du interessiert oder neugierig von ihr etwas Neues zu erfahren. Heute ist es anders. Heute grüßt man sich von der anderen Straßenseite, mit großartig demonstrierten Bewegungen, um danach so schnell wie möglich vorbeigehen zu können, lächelt höchstens an der Kreuzung freundlich und fragt "Geht’s gut?" aus der Distanz, wissend, dass die Person überhaupt keine Chance hat zu antworten, wenn, dann im besten Fall mit vielen Gesten und Gesichtsausdrücken, weil ihr euch ja mitten auf einem Zebrastreifen befindet. 

Heutzutage vermeidet man zufällige Begegnungen.


ES



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30Jan


Corona hat den Alltag von Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern stark verändert. Nahezu nichts ist wie es einmal war. In der Debatte um Präsenzunterricht oder Homeschooling hat sich in der Schweiz der Verein Bildung Aber Sicher CH gebildet, der mit seinem Offenen Brief über die Gefahren im Klassenraum aufklärt und die Regierung zum Schutz der Kinder, Lehrer und ihrer Familie aufruft. In Deutschland hat auf Twitter die Initiative #BildungAberSicher zusammengefunden, die mit über 11.000 Tweets fordert, Schulen erst ab einer 7 Tage Inzidenz von unter 25  wieder zu öffnen. Eine Homepage der Initiative ist im Aufbau.


Homeschooling scheint unter den momentanen Pandemie - Bedingungen die sicherste Art des Lernens zu sein. Wie es den betroffenen Gruppen damit geht und wie sie versuchen mit den Problemen von fehlender Digitalisierung, mangelnder Zeit oder von bildungsdiskriminierten Kindern umzugehen, könnt ihr im Folgenden lesen und sehen.



In der taz haben die Eltern in der Redaktion ein Best Of zum Thema Homeschooling im Homeoffice -Hausgemachter Wahnsinn zusammengestellt.


Die FAZ gibt unter den Titel „Es geht nur noch ums Überleben“ ihren Leser*innen die Möglichkeit, über ihre Erfahrungen beim Homeschooling zu berichten.


Einen Blick auf die Schule im Wohnzimmer werfen die Potsdamer Neuesten Nachrichten und lassen zwei Schüler*innen, eine Lehrerin und einen Vater zu Wort kommen, wie sie die Ausnahmesituation Homeschooling erleben.


Was bedeutet Corona für dich? Wie sind deine Erfahrungen mit "Homeschooling"? Diese beiden Fragen hat das Schul-TV Wettbergen einer Gruppe gestellt, die in der Debatte um Homeschooling viel zu selten gehört wird: Grundschüler*innen.


Welche Schwierigkeiten beim Homeschooling für und mit Erstklässlern entstehen zeigt ein Video von der Deutschen Welle.

Homeschooling in der Coronakrise: gar nicht so einfach | Video-Thema – Lektionen | DW | 20.01.2021 


Die SWR Landesschau Baden-Württemberg hat die sechsköpfige Familie Böhler im Homeschoolingstress zwischen zahllosen Arbeitsblättern, WLAN-Ausfällen und abgestürzten Videokonferenzen beobachtet.


Wie unterschiedlich sich der Alltag durch Homeschooling verändern kann und was das mit dem Geldbeutel und Wohnverhältnissen zu hat, beleuchtet der Spiegel.


Die zwölfjährige Lexa berichtet in einem fast 2000 mal geteilten Thread auf Twitter über das frustrierende Homeschooling an einem Gymnasium in Sachsen.


 Der Filmemacher und Vater Daniel Wegmann hat sich intensiv mit Homeschooling beschäftigt und Tipps & Tricks für Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern zusammengestellt.



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29Jan


Ein Gastkommentar


Es bleiben die Augen, hinter einer Plastikbrille. Berührungen, durch Handschuhe hindurch. Kein Haut auf Haut Kontakt. 

Es bleibt die Stimme, durch einen dicken Mundschutz hindurch. Das ist alles, über Wochen.


Gelbe Mäntel, grüne Hauben und Plexiglasaugen.

Die Maßnahmen sind obligat. Kein Spielraum für Veränderungen, für Lockerungen, nicht hier. Besuch nur im Ausnahmefall, aber auch nur mit Schutzkleidung, also wieder gelbe Mäntel, grüne Haube und Plexiglasaugen.


Wir betreuen, behandeln, kümmern uns über Wochen. Wir bauen Beziehungen auf, auch zu den Schlafenden. Wir kennen ihre Gesichter, aber sie kennen uns nicht.


Man versucht die Stimme warm klingen zu lassen, Zuversicht zu vermitteln. Hoffnung, wo nicht immer eine ist. 

Man versucht den Berührungen Nachdruck zu verleihen. Die Hand des Gegenübers zu nehmen, sie zu halten, sie zu drücken. Eine Hand auf die Schulter legen, auch bei denen die schon schlafen. Vielleicht kommt doch etwas an, trotz des notwendigen künstlichen Komas.


Sie zu verlieren ist schlimm, nach Wochen zu sehen wie diese heimtückische Erkrankung gewinnt, trotz aller Bemühungen.


Die Menschen kannten uns nicht, aber wir kannten sie. Und man kann nur hoffen, dass es kein einsames Sterben war.


Marleen - Ärztin auf einer Intensivstation



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28Jan


ICH SEHE eine Bekannte von mir vor einer Bar auf der Straße stehen. Ich winke ihr zu, sie winkt zurück und ich überquere die Straße, um ihr kurz hallo zu sagen. Wir führen den kurzen ‚umarmen wir uns, oder nicht‘ Tanz auf, der in etwa so geht: Ich gehe rasch auf sie zu, bleibe dann abrupt stehen und hebe reflexhaft und unbeholfen die flache Hand, um sie mit einem erneuten Winken zu grüßen. Das ist allerdings so kurz und albern, dass es wie ein Witz wirkt. Sie hebt beide Arme seitlich an, um eine Umarmung anzudeuten, ich imitiere die Bewegung, gehe dabei aber einen Schritt zurück. Wir lächeln beide äußerst unbeholfen.

 „Shall we hug?“, fragt sie, ich grinse ebenfalls idiotisch, und sage „I don’t know, probably not?“. Ein Typ, der daneben steht, sagt: „Of course you should hug!“, ich lache leicht panisch auf und sage „Eh really?“, da hat mich die Bekannte schon in die Arme geschlossen. „So nice to see you!“, ruft sie mir ins Ohr.


NB



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