Das einsame Sterben


29 Jan
29Jan


Ein Gastkommentar


Es bleiben die Augen, hinter einer Plastikbrille. Berührungen, durch Handschuhe hindurch. Kein Haut auf Haut Kontakt. 

Es bleibt die Stimme, durch einen dicken Mundschutz hindurch. Das ist alles, über Wochen.


Gelbe Mäntel, grüne Hauben und Plexiglasaugen.

Die Maßnahmen sind obligat. Kein Spielraum für Veränderungen, für Lockerungen, nicht hier. Besuch nur im Ausnahmefall, aber auch nur mit Schutzkleidung, also wieder gelbe Mäntel, grüne Haube und Plexiglasaugen.


Wir betreuen, behandeln, kümmern uns über Wochen. Wir bauen Beziehungen auf, auch zu den Schlafenden. Wir kennen ihre Gesichter, aber sie kennen uns nicht.


Man versucht die Stimme warm klingen zu lassen, Zuversicht zu vermitteln. Hoffnung, wo nicht immer eine ist. 

Man versucht den Berührungen Nachdruck zu verleihen. Die Hand des Gegenübers zu nehmen, sie zu halten, sie zu drücken. Eine Hand auf die Schulter legen, auch bei denen die schon schlafen. Vielleicht kommt doch etwas an, trotz des notwendigen künstlichen Komas.


Sie zu verlieren ist schlimm, nach Wochen zu sehen wie diese heimtückische Erkrankung gewinnt, trotz aller Bemühungen.


Die Menschen kannten uns nicht, aber wir kannten sie. Und man kann nur hoffen, dass es kein einsames Sterben war.


Marleen - Ärztin auf einer Intensivstation



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