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31 Dec
31Dec

ICH ERINNERE mich an den Anfang der Pandemie. Bezweifelt habe ich das Coronavirus nie, auch nicht seine Gefährlichkeit. Aber ich habe die Globalisierung, die auch körperliche Vernetzung unserer Welt unterschätzt. Covid19 oder Coronavirus SARS-CoV-2 betraf China, Wuhan, aber es bedrohte nicht mich und meinen Körper, mein Leben. Ich habe aufgehorcht als der erste Fall in Bayern durch die deutschen Medien ging. Aber für mich war Corona immer noch weit weg, die Familie in Bayern, die sich in Quarantäne befand ein Einzelfall. Ende Februar ging ich einkaufen für den gemeinsamen Dänemarkurlaub mit meinem Mann. Im Supermarkt traf ich auf eine Frau, die eine OP-Maske trug. Ich weiß noch genau, wie maßlos überzogen ich diese Reaktion fand und wie ich mich bei einer Nachbarin darüber lustig machte. 

Als ich Anfang März in Hamburg ankam, um von dort aus mit meinem Mann in den Urlaub aufzubrechen, hatte sich die Situation bereits etwas verschärft, aber immer noch waren es nur vereinzelte Fälle von Neuinfizierten, die gemeldet wurden. Ich wurde unsicher, ob meine bisherige Einstellung zu Corona noch der Realität entsprach und entschloss mich einen geplanten Varieté-Besuch ausfallen zu lassen. Wir gingen stattdessen bei unserem Lieblingschinesen in St Pauli Essen. Ich habe keine Ahnung, warum ich mich dabei zunächst sicherer fühlte, denn an diesem Abend habe ich andere Körper zum ersten Mal als potentielle Bedrohung empfunden, ohne dass mir jemand Prügel androhte. 

In meinen Jahren als Pflegehelfer in Altenheimen, Mobiler Pflege und im Krankenhaus OP habe ich dieses Gefühl niemals gehabt. Auch nicht bei HIV Patienten, denn ich wusste, wie ich mich schützen musste. Ich bin ein Kind der Achtziger Jahre und die Angst vor einer Ansteckung mit HIV und der damit einhergehenden Diskriminierung als homosexueller Mann hat mich beim Erwachsenwerden begleitet und auch traumatisiert. Ich habe viel an diese Zeit zurückdenken müssen in den letzten Monaten. Und ich weiß auch von anderen Homosexuellen, dass  in den letzten Monaten so manche Verletzung wieder hochkam. Insbesondere die Vergleichbarkeit der Verschwörungserzählungen von damals und von heute hat mich beschäftigt. 

Aber zunächst ging es in den Urlaub. Kurz vorher noch in den Supermarkt. Bloß nicht niesen, dachte ich. Daran Abstand zu halten, dachte ich noch nicht in der Konsequenz von heute. Das Niesen übernahm dann ein alter Mann vor mir an der Kasse, begleitet von giftigen Blicken so mancher Kund*innen. Wir genossen den Urlaub in der noch einsamen Jammerbucht, aber die schlechten Nachrichten bezüglich Corona zogen allmählich an. Langsam verdichtete sich die Gewissheit, dass das Virus unser Leben stark verändern würde und dass es sich nicht um eine Sache von ein paar Wochen handeln würde. Meine morgendlichen Spaziergänge am Meer wurden länger. Aber erst heute weiß ich, dass ich mich bewegen musste gegen die Angst, gegen eine unangenehme Vorahnung, die in mir aufkam. Tatsächlich verlor mein Mann am 10. März seinen Job am Theater, der an den Urlaub anschließen sollte. Einen Tag später wurde die Veröffentlichung meines Serienromans ein paar Tage vor der Buchmesse in Leipzig auf unbestimmte Zeit verschoben. Wir waren in den Urlaub gefahren, um Kraft zu tanken für die nächsten sehr anstrengenden Wochen, die vor uns lagen, und nun waren wir beide arbeitslos. 

In Dänemark reagierte das öffentliche Leben sofort auf Corona. In den Supermärkten konnte man sich am Eingang mit Einmalhandschuhen versorgen und Desinfektionsmittel stand für jede*n bereit. Im Geschäft selbst ging man etwas auf Abstand. Der Plausch auf dem Supermarktparkplatz wurde gehalten, aber mit Abstand. Schnell schloss auch der Feriencenter komplett und war nur noch telefonisch erreichbar. Hamstern habe ich in Dänemark nicht erlebt, nur das Desinfektionsmittel war rationiert. Die Dän*innen gingen ziemlich gelassen mit der Situation um, wie es mir zunächst erschien. Jedenfalls dort an der Küste, wo zu dieser Jahreszeit nur wenige Menschen waren. Irgendwie beschwichtigte das meine steigende Unruhe. Ebenso das viele in Bewegung sein auf den Spaziergängen, die Ausflüge. Die Überlegung den Urlaub zu verlängern, wenn wir jetzt eh schon ohne Arbeit waren, wurde mit dem Schließen der Deutsch-Dänischen Grenze exakt an unserem letzten Urlaubstag beendet. 

Ich erinnere mich, wie ich schon beim Einsteigen in das Auto verkrampfte. Der Feriencenter hatte uns versichert, dass wir ausreisen konnten, aber was würde uns an der Grenze erwarten. Wir wussten, dass es Kontrollen geben würde. Noch etwas anderes war für mich körperlich spürbar: Das ist jetzt Ernst, das ist Realität. Die Kontrollen an der Grenze waren ein Witz. Nur ein paar Autos wurde zum Fiebermessen raus gewunken. Und die Kriterien hierfür waren meines Erachtens nach sehr rassistisch. An der Raststätte entschieden wir uns für Coffee To Go. Als mir die Fastfoodketten-Angestellte ein Klemmbrett mit Stift reichte, um meine Adresse aufzuschreiben, habe ich sie ziemlich blöd angeguckt. Zum einen war ich überrascht, zum anderen fragte ich mich, ob ich jetzt meine Einmalhandschuhe, die ich seit ein paar Tagen zum Tanken verwendete, benutzen sollte, um Stift und Klemmbrett anzufassen. Die Überforderung siegte und ich entschied mich es zu lassen. Mein Körper verkrampfte noch mehr. Es war der Moment, von dem ab ich auf keinen Fall mehr in die Großstadt Hamburg wollte. Aber wir mussten dort die Arbeitswohnung meines Mannes auflösen. 

Dort angekommen staunten wir nicht schlecht. In den letzten Tagen hatte sich unser Leben verändert und war von Vorsicht geprägt. Unserer eigenen Vorsicht und der unserer Mitmenschen. Hier in Hamburg, an einem schönen sonnigen Tag, verhielten sich die allermeisten Menschen so, als sei nichts passiert in den letzten zwei Wochen. Niemand nahm Abstand, viele hockten draußen zusammen und genossen die Sonne bei einem gemeinsamen Bier. Bei der Bitte im Supermarkt Abstand zu halten wurden wir wahlweise ausgelacht oder bepöbelt. Etwas anderes war aber auch auffällig. Diejenigen, die Rücksicht nahmen und sich aus dem Weg gingen, lächelten sich an. Zumindest mit den Augen. Man erkannte sich und es hatte etwas von einer Verschwörung der anderen, empathischen Art. 

Am Abend waren wir bei einer sehr guten Freundin zum Essen eingeladen. Wie seltsam sich nicht zu umarmen zur Begrüßung und umeinander herumzuschleichen. Noch verrückter auf dem Weg dorthin darüber zu diskutieren, wie man sich denn nun verhalten sollte an diesem Abend. Die Angst, dass die Freundin die Zurückhaltung falsch verstehen könnte. Irgendwie hat sich mein Körper angefühlt wie Gummi an diesem Abend. Und es war dieser Abend, dass ich meinen Körper zum ersten Mal als Bedrohung für andere wahrgenommen habe. Ich glaube, es war die emotionale Nähe. Mein Mann und ich saßen eh in einem Boot. Aber wir wollten niemanden anstecken, schon gar nicht Menschen, die wir lieben. Und trotzdem kam es am Ende dieses Essens doch zu Umarmungen. Ich glaube, um das schlechte Gefühl, den Mangel, den wir nach der Begrüßung körperlich spürten, auszumerzen. 

Als wir wieder Zuhause im Oderbruch waren, war ich sehr froh. Ich atmete durch, machte wieder meine langen Spaziergänge am Morgen mit dem Hund und freute mich, weil hier auf dem Land, in dem kleinen Dorf, in dem wir leben, sich nicht sehr viel änderte durch Corona in unserem Leben. In den ersten Wochen waren zudem alle sehr vernünftig. Ob auf der Straße im Dorf, wenn man überhaupt jemanden traf in der kalten Jahreszeit, oder auch im Supermarkt. 

Das sollte sich schnell ändern. Die Situation kippte bei nicht wenigen im Oderbruch sehr bald in absolute Sorglosigkeit. So als sei Corona ein Großstadt-Ding. Einkaufen wurde zur Odyssee für mich. So, dass wir eine halbe Stunde zu einem Supermarkt fuhren, der auf die AHA Regeln achtete. Später im Sommer eskalierte diese Sorglosigkeit. So richtig zur Vernunft gekommen sind diese Leute erst seit der Mutation des Virus. Wer weiß wie lange?   

Viele Leute empfinden die Formulierung in unserem Fragebogen, in der nach der Bedrohlichkeit von Körpern gefragt wird, als zu stark. Ich empfinde es genau so. Ich nehme meinen Körper und die der anderen als potentielle, ungewisse Bedrohung wahr. Ob die Menschen, in diesen Körpern tatsächlich für mich bedrohlich werden oder umgekehrt, hängt dabei von unserem Verhalten ab.


HS



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