Oliver - Lehrer für Deutsch als Fremdsprache an der FU Berlin


Wie verändert Corona die Choreographie des Alltags?



1. Wie hat sich deine alltägliche Struktur verändert?

Ich bin extrem viel zu Hause. Ich arbeite im Home-Office, unterrichte mit Onlinetools. An meinem eigentlichen Arbeitsort war ich in den letzten 7 Monaten nur einmal. Das E-Mail-Aufkommen ist höher und ich telefoniere häufiger als zuvor beruflich. Auf der einen Seite ist dadurch Mehrarbeit entstanden (insbesondere auch durch Sekretaritatsaufgaben, die ich nun selbst übernehme und vor allem durch genauere Abstimmungen von Prozessen, die sonst kurz persönlich besprochen werden können), auf der anderen Seite sind manche Prozesse auch straffer und einfacher, insbesondere Teamsitzungen/Institutssitzungen online.

Privat habe ich auch deutlich weniger persönlichen Kontakt, auch wenn dies in den Sommermonaten etwas mehr war. Es gibt Tage, an denen ich das als belastend empfinde, insbesondere, weil ich auf der einen Seite persönlichen Kontakt einschränke, aber auf der anderen Seite oft ungewollt fremde Menschen „nah“ habe. Meine Grundnahrungsmittel lasse ich liefern, weil mich das Einkaufen im Supermarkt sehr stresst – am Anfang der Pandemie habe ich das noch nicht gemacht, weil der Lieferservice langfristig ausgebucht war und ich ihn nicht zusätzlich belasten wollte in Rücksicht auf Leute, die stärker auf dieses Angebot angewiesen sind.


2. Wie hat sich Corona und die damit einhergehenden Veränderungen auf deine   Körperlichkeit ausgewirkt?

Ich glaube ich bin unfitter geworden. Im Moment versuche ich bewusst regelmäßig Spaziergänge zu machen und ähnliches,, um das etwas auszugleichen (ich habe zuvor große Teile meines Arbeitsweges zu Fuß zurückgelegt). Meine Bildschirmzeit, die sowieso schon hoch war, ist noch höher, ich habe oft Abends müde Augen.


3. Bewegst du dich durch Corona anders durch den Alltag? Wenn ja, wie?

Ich habe manchmal das Gefühl, ich laufe Slalom, auch auf der Straße versuche ich Menschen nicht so nah zu kommen, dadurch sind bestimmte Gänge auch anstrengender.


4. Was beobachtest du bei anderen Menschen an Bewegungsveränderungen oder Veränderungen in der Körperlichkeit?

Ich habe das Gefühl, dass das sehr verschieden ist. Einige Menschen erscheinen mir „normal“ was dies betrifft, bei anderen beobachte ich auch mehr Rücksichtnahme und Vorsicht.


5. Was fehlt dir körperlich durch Corona?

Vor allem Berührung. Ich habe seit Monaten keine Freund*innen umarmt und glaube auch, dass dies der Faktor ist, der mir am meisten zu schaffen macht.


6. Welche körperlichen Aktivitäten oder Handlungen, die seit Corona aus dem Alltag verschwunden sind, fehlen dir überhaupt nicht?

Händedrücken fehlt mir nicht. In der Regel habe ich Begrüßungen von neuen Menschen oder Situationen, in denen man sich sonst die Hand gegeben hat nicht weniger herzlich oder respektvoll erlebt. Allerdings merke ich, dass wenn andere Menschen mir die Hand ausstrecken und ich sie nicht gebe, ich mich immer noch komisch fühle.


7. Fühlst du dich seit Ausbruch von Corona anderen Menschen näher oder ferner?

Sowohl als auch. Auf persönlicher Ebene ferner, da es zu weniger und nicht zu körperlichen Kontakten kommt. Generell aber auch ferner, da einige Menschen sich nach wie vor „normal“ verhalten und dadurch Befremden bei mir auslösen – der einzige positive Aspekt, den ich dort noch sehen kann, ist, dass dieses Unvermögen aus meiner subjektiven Beobachtung bei ganz verschiedenen Menschen auftritt.


8. Wann nimmst du andere Körper im Alltag als Bedrohung wahr?

Vor allem dort, wo ich nicht auf Abstand gehen kann. Ich meide zwar immer noch den ÖPNV, aber in Situationen, in denen es sich nicht vermeiden ließ ihn zu nutzen, empfand ich Menschen, die sehr nah an mir waren oder die den MNS nicht oder nicht korrekt trugen als Bedrohung. Ähnlich ist das in der Supermarktschlange, wobei ich mich dort eher traue auch etwas zu sagen.


9. Wann nimmst du deinen eigenen Körper als Bedrohung für andere wahr?

Dass ich ihn selbst als Bedrohung wahrnehme, kann ich nicht sagen, aber mir sind Situationen unangenehm, in denen andere ihn ggf. als Bedrohung wahrnehmen könnten, etwa wenn ich nicht auf Abstand gehen kann – ich meide diese Situationen.


10. Welche Elementaren Gewohnheiten haben sich für dich verändert und wie musst du umdenken?

Durch das andere Einkaufen (Bestellung) muss ich etwas mehr planen – früher bin ich oft kleine Einkäufe erledigen gegangen mehrmals die Woche. Für frische Produkte (Gemüse/Obst vor allem) gehe ich weiterhin ab und an in den türkischen Supermarkt und/oder Biomarkt. Dennoch kommt es leider häufiger vor, dass ich falsch einkaufe und mir Obst/Gemüse verderben. Ansonsten muss ich selbst den Tag komplett strukturieren und neige dazu mehr abends zu erledigen, was meinem Biorhytmus mehr entspricht, aber leider nicht unbedingt dem meiner Mitmenschen, hier muss ich mich zusammenreißen, den Rhythmus nicht ganz frei zu verschieben. Insgesamt ist mein Leben deutlich weniger spontan.


11. Was hat sich zwischenmenschlich/körperlich verändert?

Die fehlenden Umarmungen habe ich bereits angesprochen, ansonsten sind diese zwischenmenschlichen Begegnungen geplanter und seltener. Bestimmte Freund*innen treffe ich kaum, weil ich weiß, dass sie selbst sehr viele Leute treffen und auch mit Umarmungen etc. Ich kommuniziere dies aber meistens nicht mehr, weil es mir zu anstrengend ist, sondern schiebe andere Gründe vor, warum ich mich gerade nicht treffen kann.


12. Was hat sich für dich Körperlich- zwischenmenschlich positiv verändert?

Es gibt technische Details, die ich als positiv erlebe. Körperlich-zwischenmenschlich erlebe ich diese Zeit jedoch nicht als positiv, höchstens vielleicht, dass ich mehr merke, wer in dieser Hinsicht mit mir auf einer Wellenlänge ist.