Oliver Engels, 54 - angestellt. Kulturbereich, Orchestermusiker


Wie verändert Corona die Choreographie des Alltags?


 Wie hat sich deine alltägliche Struktur verändert?

Ich bemerke sehr viel mehr unausgefüllte Zeit, für deren Inhalt ich selber zuständig bin. Dadurch fühle ich mich weniger fremdbestimmt, aber es fehlt mir gleichzeitig der feste Aufgaben- und Arbeitsrahmen, innerhalb dessen ich meine Tätigkeiten, Pausen und davon unabhängige Aktivitäten organisiere. 


Wie hat sich Corona und die damit einhergehenden Veränderungen auf deine Körperlichkeit ausgewirkt? 

Körperliche Ruhe hat eine andere Qualität erhalten: War sie früher mit Ausgleich, Zufriedenheit und Belohnung verbunden, muss ich sie jetzt kritisch in Frage stellen, weil ich Müßiggang, Abschlaffung und Antriebslosigkeit dahinter befürchte. Inzwischen fehlt mir sogar der wirre Rhythmus von äußerlicher Getriebenheit und Eile, verschieden langen Abenden und Nächten, Adrenalinstößen - und Befriedigung bei erfreulichen Ergebnissen. 


Bewegst du dich durch Corona anders durch den Alltag? Wenn ja, wie? 

Möglicherweise bewege ich mich in der Tat ruhiger, langsamer und sogar gleichgültiger. Die angespannte Körperhaltung ist seltener geworden, und auch Bühnenpräsenz und Konzentration auf den Augenblick muss ich kaum noch herstellen. 


Was beobachtest du bei anderen Menschen an Bewegungsveränderungen oder Veränderungen in der Körperlichkeit? 

Menschen suchen schneller den Blickkontakt, weil einige andere Kontaktformen wegfallen. Das Abstandhalten, insbesondere beim Schlangestehen, ist (gute) Gewohnheit geworden. 


Was fehlt dir körperlich durch Corona? 

Natürlich vermisse ich körperlichen spontanen Kontakt, von Umarmen über Schulterklopfen bis hin zu Raufereien (sofern freundschaftlich). Tanzen fehlt. Sport ist zum überwiegenden Teil eingeschlafen. Statt Unbeschwertheit muss überall kontrolliertes Bewegen geübt werden. 


Welche körperlichen Aktivitäten oder Handlungen, die seit Corona aus dem Alltag verschwunden sind, fehlen dir überhaupt nicht? 

Solche, die mir nicht fehlen würden (geschubst werden, im Tröpfchenbereich von lauten Sprechern oder niesenden Kindern zu sein) sind zweifellos noch da. 


Fühlst du dich seit Ausbruch von Corona anderen Menschen näher oder ferner? 

Ich fühle mich anderen ferner, weil ich ihnen gegenüber meine Nähe nicht unbegrenzt ausdrücken kann. Gleichzeitig bemerke ich bei mir nahen Menschen mehr äußerliche Zeichen von Nähe (Lachen, Winken usw.). 


Wann nimmst du andere Körper im Alltag als Bedrohung wahr? 

Wenn es mehrere sind, die nicht auf mich achten, unberechenbar zu sein scheinen oder ich nicht ausweichen kann. Beispiele: Eine quatschende Menschengruppe betritt einen (begrenzten) Raum, in dem ich vorher alleine war. Mehrere Kinder schießen miteinander spielend auf mich zu. Jemand in meiner Nähe redet sehr laut abfällig über die Bestimmungen zur Pandemieeindämmung. 


Wann nimmst du deinen eigenen Körper als Bedrohung für andere wahr? 

Wenn ich mich unaufmerksam oder fahrig in der Öffentlichkeit benehme, insbesondere, wenn ich zu Fuß mit höherer Geschwindigkeit vorankommen möchte als die Menschen um mich herum: Manchen ist dann anzusehen, dass ich sie gerade verunsichere. 


Welche Elementaren Gewohnheiten haben sich für dich verändert und wie musst du umdenken? 

Natürlich ist alles verändert, was Berührung und Nähe anbetrifft: von Händeschütteln und Umarmen über „mal eben im Auto Mitnehmen“ oder „kurz mal mit rein Kommen“ bis hin zur fehlenden Erfahrung massenweisen körperlichen Kontakts im Gedränge, sei es nun etwa bei Überfüllung im Straßenbahnwagen oder in der Karnevalskneipe. Umdenken muss ich ständig, wenn ich mit anfassen will: Hilfestellungen bei Fremden (Taschentragen, Kinderwagen hieven, körperliches Stützen Gebrechlicher… ), gemeinsame körperliche Arbeit (z. B. Umzug, Renovierung) oder auch nur Vormachen, Zeigen, Anfassen (wenn ich beispielsweise Fagottunterricht gebe). 


Was hat sich zwischenmenschlich/körperlich verändert? 

Die Wahrnehmung des physischen Abstands von Personen ist plötzlich besonders wichtig geworden. Dabei empfinde ich deutlich den mir um mich herum physisch zuzumessenden (und zustehenden?!)Raum. Wenn andere in ihn eindringen, oder wenn andere Menschen sich physisch noch näher kommen, verlange ich jetzt innerlich nach einer Rechtfertigung dafür. 


Was hat sich für dich Körperlich- zwischenmenschlich positiv verändert? 

Anderen mehr Platz einzuräumen, den ich sonst selbstverständlich ohne nachzudenken schnell selbst beansprucht hätte, wirkt auf mich selbst zurück, nämlich als respektvollerer Umgang und höflicheres Verhalten. Ich kann jetzt leichter akzeptieren, wenn jemand anders sich daran stört, dass ich ihm „zu nahe trete“ und entschuldige mich ohne Zögern dafür.