Katharina John, 49 - Fotografin


Wie verändert Corona die Choreographie des Alltags?



Wie hat sich deine alltägliche Struktur verändert? 

Ich bin Ende 2019 nachdem ich 20 Jahren wohnhaft in Italien war, nach Berlin umgezogen . Nachdem ich Anfang des Jahres 2020 jede Menge mit Einrichten der Wohnung und Ummeldeformalitäten zu tun hatte , kam im März die Corona Pandemie Schockstarre und auch bald der Lockdown. Ich hatte also noch gar keinen „Alltag“ in meiner neuen Wahlheimat und somit konnte sich auch nichts gravierend für mich verändern. 


Wie haben sich Corona und die damit einhergehenden Veränderungen auf deine Körperlichkeit ausgewirkt? 

Corona hat uns alle und somit auch mich unglaublich entschleunigt . Körperlich habe ich mehr auf meinen Körper geachtet und gehört. Da es eine vollkommen Unbekannte Krankheit war, die uns nun plötzlich bedrohen sollte, habe ich meinem Körper ganz neue Aufmerksamkeit geschenkt und durch all die Verunsicherung unbekannte Symptome zu deuten , versucht meinen Körper zu verstehen, zu schützen aber auch neu zu vertrauen. 



Bewegst du dich durch Corona anders durch den Alltag? Wenn ja, wie?

Ich lasse mir für alles mehr Zeit, beobachte aufmerksamer meine Mitmenschen , bin vorsichtiger mit körperlicher Nähe und viel mehr alleine unterwegs. Ich hatte und habe aber auch das Gefühl , dass das vermeindlich mehr alleine sein einem seltsamen und beruhigendem Gefühl der Verbundenheit mit allen anderen Menschen einhergeht, da die ganze Welt plötzlich in „ einem Boot“ sitzt . Je mehr wir uns körperlich von einander entfernen mussten um uns nicht anzustecken, desto näher sind wir eigentlich auch wieder zusammengerückt, da wir plötzlich alle ( ob arm ob reich, ob Moslem, Buddhist, Jude oder Christ , ob Ost, Nord, Süd oder West Bewohner) den gleichen Feind hatten : Covid 19 – und niemand hatte die richtige oder erprobte Waffe ihn zu bekämpfen….. 


Was beobachtest du bei anderen Menschen an Bewegungsveränderungen oder Veränderungen in der Körperlichkeit?

 Ich beobachte viel Misstrauen und leider auch grosse Angst dem oder der Fremden gegenüber. Und leider schürt Angst auch immer Aggressivität. Es kam mir manchmal im Supermarkt oder Autobus vor als wären wilde in den Käfig gesperrte verwundete Tiere um mich herum, die erst einmal das Gegenüber anknurren und anfauchen, aus Not , Unsicherheit und Ohnmacht. Die Agressivität untereinander hat zugenommen. 


Was fehlt dir körperlich durch Corona? 

Ich habe 20 Jahre in Italien gelebt, ein Land in dem man sich ständig umarmt und Küsschen verteilt und aus Zuneigung oder Wertschätzung berührt. Der haptische Umgang miteinander fehlt mir sehr. Ich habe es dann versucht buddhistisch zu betrachten und als Begrüssung auf einen anerkennenden „ Knicks“ oder kleine Verbeugung zurückzugreifen. Eine Freundin von mir , die ohne Partner lebt, hat sich aber auch mal meinen Hund ausgeliehen, damit sie endlich mal wieder ohne Bedenken kuscheln konnte. 


Welche körperlichen Aktivitäten oder Handlungen, die seit Corona aus dem Alltag verschwunden sind, fehlen dir überhaupt nicht? 

Ins Fitness Studio zu gehen ;-) 


Fühlst du dich seit Ausbruch von Corona anderen Menschen näher oder ferner? 

Eigentlich habe ich das schon in der Frage 2 beantwortet. Ich fühle mich näher. Vielleicht nicht unbedingt den anderen Menschen sondern eher der Menschheit im Allgemeinen. Durch Corona haben wir alle gelernt wie fragil das ganze Dasein ist und wie wenig wir alle doch gegen unbekannte Gefahren gewappnet sind. Wir können zum Mond fliegen und künstliche Intelligenz herstellen und doch sind wir wieder wie kleine Kinder ,die sich unter der Bettdecke verstecken müssen, wenn eine unbekannte Macht daherkommt und wir haben Angst- ALLE. Irgendwie auch beruhigend , dass wir doch fehlbar sind und nicht über allem stehen. Corona hat uns Menschen in unserer menschlichsten Ecke getroffen, im Gutem und im Schlechten. 

Wann nimmst du andere Körper im Alltag als Bedrohung wahr?

Ich mag nicht mehr so gerne in öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, ich zucke zusammen wenn jemand dicht neben mir hustet. Das ist aber auch alles. 

Wann nimmst du deinen eigenen Körper als Bedrohung für andere wahr?

Wenn ich auf eine öffentliche Toilette gehe , fasse ich nichts an aber fühle mich fast schuldig gegenüber dem nächsten der kommt, da ich die Unsicherheit und Sorge in seinen Augen sehen kann. 


Welche elementaren Gewohnheiten haben sich für dich verändert und wie musst du umdenken?

Ich liebe es zu planen. Alles unter Kontrolle zu haben. Das geht nicht mehr, da alles sich ständig ändern kann und man nun eher von Tag zu Tag, von Woche zu Woche denken muss. Das ist neu für mich aber auch irgendwie ein bisschen befreiend. 



Was hat sich zwischenmenschlich/körperlich verändert?

Alles ist plötzlich neu im Umgang mit Anderen . Begrüßungsrituale mussten neu erfunden werden und die Auswahl der Freunde, die man treffen möchte, ist weniger beliebig. 

Und noch etwas:  wir sind durch den körperlichen Sicherheitsabstand sehr eingeschränkt und können uns  (emotional) nur noch durch Mimik verständigen  , die allerdings durch die Masken sehr eingeschränkt  ist. Lachen, Freude oder Wut geht nur noch über den Ausdruck der Augen .  Die Hälfe des Gesichts ist verdeckt. Wir  sind also im Austausch mit unserem Gegenüber auf Augen reduziert – was neu und ungewohnt  , aber auch spannend ist.   Was mir jedoch fehlt ist , dass wir eigentlich soziale Wesen sind und immer in Krisen vom Austausch mit unsern Mitmenschen überlebt haben ,  Mut gefasst und kreative Ideen entwickeln konnten, einen kommunikativen  Raum  brauchen um  die eigenen Geschichten zu haben. Nun sind wir zwischenmenschlich so eingeschränkt  und die meisten nähren sich  zwangsläufig mehr und mehr von einem „wikipedischem Wissen“ und die  eigenen Erlebnissen  und Begegnungen mit fremden Menschen bleiben dabei  auf der Strecke. Unsere Spontanität geht  verloren und selbst die Begegnung mit einem Fremden, den man spontan zu einem Cafe in eine Bar einladen möchte, ist nicht mehr möglich…..Man denkt über die eigenen Bedürfnisse und Wünsche mehr nach und findet dabei auch heraus was einem wirklich wichtig ist und trotz Einschränkungen unentbehrlich erscheint .



Was hat sich für dich zwischenmenschlich/körperlich positiv verändert? 

Alles ist wertvoller geworden, jedes Treffen, jede Umarmung, jedes Lachen. Und mein Hund bekommt soviel Streicheleinheiten wie noch nie ;-)