Igor, 49 - Frührentner


Ich bin Igor, 49 Jahre alt, durch eine schwere Erkrankung in Frührente,

war früher Medizinisch Technischer Assistent in der Nuklearmedizin und Strahlentherapie.


Wie verändert Corona die Choreographie des Alltags?


1. Wie hat sich deine alltägliche Struktur verändert?

Die alltägliche Struktur ist eintöniger geworden, die Tage gleichförmiger, da jeder Gang nach draußen eine potentielle Gefahr darstellt (bin Risikogruppe und behindert) und noch besser geplant werden muss, als schon davor. Auch merke ich, dass mich der sorglose Umgang mit der Pandemie, oft wütend und traurig macht und der Umgang damit, mich sehr viel Kraft kostet.


2. Wie haben sich Corona und die damit einhergehenden Veränderungen auf deine Körperlichkeit ausgewirkt?

Corona hat mir viel von den wenigen Möglichkeiten, die ich körperlich davor hatte, genommen. Ich bewege mich weniger im Draußen, ich bin distanzierter und meine Wut auf den Egoismus und die Ignoranz, der meisten Leute hier im Kiez, sieht man mir oftmals an. Ich habe das Gefühl, es erschöpft mich nicht nur seelisch sondern zunehmend auch körperlich.


3. Bewegst du dich durch Corona anders durch den Alltag? Wenn ja, wie?

Distanzierter, nicht mehr so zugewandt, selbstbezogener, wütender..Und gleichzeitig sehr viel dankbarer, für die Menschen, die es mir eben nicht schwerer machen. Die Lichtblicke sind. So wie meine Postbotin, die als ich letzthin einen akuten Krankheitsschub hatte, mir meine Post auch wochenlang an die Wohnungstür brachte.


4. Was beobachtest du bei anderen Menschen an Bewegungsveränderungen oder Veränderungen in der Körperlichkeit?

Distanziertheit und Bemühen (trotzdem) Freundlichkeit zu zeigen, bei denen die auch Maske tragen. Ein zunehmend raumforderndes Verhalten, bei denen, die dies nicht tun. Ich erlebe das seit ein paar Jahren, seitdem ich mit Rollator unterwegs bin. Zugewandheit nimmt ab, ein Verhalten dagegen zu, als würden alle breitbeinig den Sitz, oder eben den Platz auf der Straße einnehmen.

Und es ist lauter, die Stille hat keinen Platz mehr.


5. Was fehlt dir körperlich durch Corona? 

Umarmungen.. sehr sehr..


6. Welche körperlichen Aktivitäten oder Handlungen, die seit Corona aus dem Alltag verschwunden sind, fehlen dir überhaupt nicht?

Handschlag bei Begrüßungen.


7. Fühlst du dich seit Ausbruch von Corona anderen Menschen näher oder ferner?

Beides. Durch die Behinderung bin ich viel virtuell unterwegs, schon vor Corona und die Beziehung zu Freunden, die ich nur so sprechen kann, weil sowieso eine räumliche Entfernung da ist, haben sich intensiviert. Freunde sind nochmal näher gerückt, wenn das überhaupt möglich ist.

Auf der anderen Seite, sind Menschen ferner, die alleinig oberflächliche Alltagsbegegnungen waren und sind.

Auch hat sich bei Corona, irgendwie die Spreu vom Weizen getrennt. Einfach durch die Unterschiede im sozialen Umfeld, die viel stärker zu Tage treten. Es hat sich heraus gestellt, auf wen man sich menschlich verlassen kann und auf wen eben nicht.


8. Wann nimmst du andere Körper im Alltag als Bedrohung wahr?

Ich bin gefühlt, immer auf der Hut. Und ich hoffe sehr, dass ich dieses Gefühl der permanenten Bedrohung, irgendwann, wenn es eine Impfung gibt, auch wieder abstellen kann.


9. Wann nimmst du deinen eigenen Körper als Bedrohung für andere wahr?

Wenn ich selten Freunde treffe. Und ich eigentlich jemanden anrufen möchte, weil ich dringend Kuschelkontakt bräuchte, es aber nicht tue, weil es gefährlich sein könnte.

Ich könnte nicht mit dem Gefühl leben, einen anderen Menschen, oder sogar Freund angesteckt zu haben.


10. Welche Elementaren Gewohnheiten haben sich für dich verändert und wie musst du umdenken?

Ich gehe nicht mehr unbeschwert auf Menschen zu, alles muss geplant sein.

Jeder Gang nach draußen verlangt Vorbereitung und die Frage, ist es nötig.

Vor Corona, hatte ich die Regel, wenn irgendwie möglich, es der Körper zulässt, wenigstens einmal die Woche Freunde zu treffen, etwas Schönes zu erleben. Das ist jetzt so nicht mehr möglich und ich merke wie dies der Seele zusetzt.


11. Was hat sich zwischenmenschlich/körperlich verändert?

Beziehungen zu Menschen die mir besonders wichtig sind haben sich verändert, sind entweder intensiver geworden und noch zugewandter oder eben das Gegenteil. Sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede sind durch Corona viel deutlicher geworden.

Mir fehlen Umarmungen von Freunden. Sehr.


12. Was hat sich für dich zwischenmenschlich/körperlich positiv verändert?

Siehe Frage 11.


Igor