Anonym, weibl., 60 Jahre


Wie verändert Corona die Choreographie des Alltags?



Wie hat sich deine alltägliche Struktur verändert?

Ich arbeite weniger. Bin aus meinem speditivem Arbeitsrhythmus rausgefallen. Gucke mir z.B. auf einmal im Tram die Außenwelt an und lese nix. Mache keine Nachtschichten mehr. Kann es nicht mehr, früher war alles so wichtig, und jetzt denke ich manchmal: ist doch egal. Bringt natürlich auch berufliche Schwierigkeiten mit sich.



Wie hat sich Corona und die damit einhergehenden Veränderungen auf deine Körperlichkeit ausgewirkt? 

Ich bin dünner geworden, beobachte meinen Körper mehr und habe manches Mal den Eindruck von Schwerfälligkeit, wenig spontane Reaktionen.



Bewegst du dich durch Corona anders durch den Alltag? Wenn ja, wie? 

Distanzierter und vorsichtiger. Muss ich ja.



Was beobachtest du bei anderen Menschen an Bewegungsveränderungen oder Veränderungen in der Körperlichkeit? 

Weniger spontan in der Begrüßung, eher auf Abstand, keine körperliche Zugewandtheit.



Was fehlt dir körperlich durch Corona? 

Nichts. Ich laufe mehr, bewege mich mehr, mache Spaziergänge.



Welche körperlichen Aktivitäten oder Handlungen, die seit Corona aus dem Alltag verschwunden sind, fehlen dir überhaupt nicht?

Dieses drei Küsschen geben, zu der Begrüßung. Ich nehme an, das werde ich auch nach der Corona-Zeit nicht wieder aufnehmen. Und der Kaffee „to go“. Das lasse ich auch in Zukunft sein.



Fühlst du dich seit Ausbruch von Corona anderen Menschen näher oder ferner? 

Bestimmten Menschen, wie meiner Tochter oder meinen besten Freund*innen fühle ich mich näher. Wir vertrauen einander, berühren uns auch, da nicht mehr selbstverständlich, bekommt es auf einmal eine Bedeutung und eine tiefere Nähe. Wir telefonieren öfters, auch Menschen in Arbeitsprozessen, Studierende z.B. melden sich auf einmal und fragen, ob alles in Ordnung ist, wenn ich mich auf eine Mail nicht gleich melde. Das schafft Nähe, heißt Interesse an meiner Person. Auch sorge ich mich auf einmal, um einen Menschen, der mir etwas bedeutet, von dem ich länger nix gehört habe. Also rufe ich an oder schreibe. Es wird mir auf einmal bewusst, welche Menschen mir etwas bedeuten.



Wann nimmst du andere Körper im Alltag als Bedrohung wahr? Wann nimmst du deinen eigenen Körper als Bedrohung für andere wahr? 

Hm, das ist aber neu, dass ich Körper in der Corona-Zeit als Bedrohung wahrnehme. Sie sind ja ein potentieller Ansteckungsherd. Vor allem jetzt. Dazwischen, zwischen Mai und Oktober hab ich es sogar manchmal vergessen, dass ich vorsichtig sein muss. Meinen Körper nehme ich als Bedrohung wahr, wenn ich einkaufen gehe. Ich fasse ja alles Mögliche an. Anderen Menschen gegenüber seltener. Nur wenn ich eine/n gute Freund*in treffe, es selbstverständlich war, dass wir uns umarmen, oder einen Kuss geben und das nicht mehr stattfindet, da begreife ich, dass ich für andere auch eine Gefahr bin, nicht nur sie für mich.

Interessant dabei ist, dass sich auf einmal rausstellt, für wen ich eine nahe Freundin bin und wer für mich. Weil ich spontan es manchmal vergesse, dass wir uns nicht berühren sollten, aber mein Gegenüber nicht und umgekehrt.



Welche elementaren Gewohnheiten haben sich für dich verändert und wie musst du umdenken? 

Nähe über Berührung ausdrücken. Oder lautes Lachen versuche ich zu vermeiden. (wegen der Aerosole) Essen probieren, vom anderen Teller oder umgekehrt. Ich gebe Menschen gerne die Hand, darüber fällt ein erstes Hindernis der Annäherung weg. Ich spreche jetzt mehr. Ist vielleicht eine Art Ersatz? Ich überlege mir im Moment, ob ich noch ins Kino oder Theater gehen soll. Ich bin überhaupt während Corona viel seltener auf kulturellen Veranstaltungen gewesen. Weil ich Angst hatte, aber weil auch viel weniger in den Medien berichtet wird. Ich lese deshalb mehr Bücher. Und im Zug esse und trinke ich auf einer langen Fahrt nicht mehr. Ich fühle mich dabei unwohl. Auch wenn ich Essen von zu Hause mitgenommen habe. (was ich früher nicht getan habe) Ich habe mir abgewöhnt, einen Kaffee to go zu holen. Nehme meinen eigenen mit. Und jetzt gehe ich nicht mehr ins Restaurant. Ist zu kalt, um draußen zu sitzen. Dafür mache ich mir mehr Gedanken darüber, was ein gutes Essen ist. Ich kaufe Lebensmittel, die ich sonst nicht gekauft habe, um etwas auszuprobieren. Ich gehe seit März nicht mehr tanzen, habe dafür endlich mal meine Musikanlage installieren lassen und bin überrascht, wie gut sie klingt.

Ich gehe jetzt Lebensmittel auf dem Markt einkaufen. Ist komisch. Hat was damit zu tun, dass ich die Menschen sehe, die die Ware verkaufen. Auch wenn ich mich manchmal frage, ob es gut ist, dass sie keine Handschuhe tragen. Insgesamt kann ich sagen, ich pflege Freundschaften, weil mir auf einmal klar geworden ist, dass ich diese Menschen auch verlieren kann.